Dürfen wir vorstellen?

NRW: Drei Buchstaben, ein Bundesland. Und was für eins. Selbstbewusst, stolz und liebevoll. Lokalpatriotisch, viertelfixiert und weltoffen. Schroff und herzlich, rau und zugewandt. Nie auf den Mund gefallen, öfter mal laut und manchmal ganz schön nachdenklich. „Das Land mit dem Bindestrich“, heißt es ja gerne, als müsse man betonen, dass sich das Land verbunden fühlt mit sich selbst. Die Menschen hier nennen ihre Heimat lieber einfach NRW: Drei Buchstaben, die müssen genügen. NRW ist schließlich jedem ein Begriff. NRW ist eine Hausnummer. NRW ist eine Marke.

Wo fängt man an bei so einem Land? Am besten bei den Klischees! Dass manche hier öfter am Büdchen einkaufen als im Supermarkt? Stimmt. Dass ein Derby zwischen Schalke und Dortmund wichtiger ist als Weihnachten und Ostern zusammen? Stimmt. Dass es hier mehr Brieftauben gibt als anderswo und mehr Feinrippunterhemden getragen werden? Alles richtig, alles wahr. Dass die A40 eigentlich eher Ruhrschleichweg als Ruhrschnellweg heißen müsste? Stimmt. Und dass jeder in Bochum „Bochum“ von Herbert Grönemeyer singen kann? Das stimmt bestimmt.

Und jetzt? Listen wir mal alles auf, was man nicht unbedingt mit Nordrhein-Westfalen verbindet! In NRW stehen zum Beispiel mehr Schlösser und Burgen als in einer anderen Region vergleichbarer Größe. Es gibt auch mehr Museen. Mehr Theater, mehr Konzertsäle, mehr Live-Konzerte. Es gibt eigentlich von allem mehr, was einen bei fast 30 Städten mit jeweils über 100.000 Einwohnern eigentlich nicht wundern sollte, es manchmal aber dann dennoch tut. NRW: das sind Fernwanderwege und Beethoven-Ausstellungen, Bergsteigertouren und Hafenarchitektur, Geparden-Safaris und Designerläden, Sterne-Restaurants und das Millowitsch-Theater, Kokolores und Köbes, Joseph Beuys und - Armin Laschet. 

Zu NRW gehören Regionen, von denen jede einzelne einen Urlaub wert ist. Das Bergische Land und die Eifel etwa, oder das Siebengebirge und das Sauerland – das nennt sich selbst übrigens gerne „Land der tausend Berge“, was beinahe rührend bescheiden ist, weil es dort nämlich 2711 Berge gibt, keine Viertausender natürlich, aber jeder einzelne über vierhundert Meter hoch. Der Kreis Siegen-Wittgenstein bietet andere Superlative: 65 Prozent seiner Fläche sind mit Laub- und Nadelbäumen bedeckt, damit ist er der waldreichste Kreis Deutschlands. Man kann dort sogar Wisente in freier Wildbahn entdecken, und der Rothaarsteig zählt zu Deutschlands schönsten Fernwanderwegen – klar, dass Naturfreunde da voll auf ihre Kosten kommen.

Und überall in NRW sind Spuren großer Geschichte zu finden. In Xanten am Niederrhein etwa kann man das größte deutsche Freilichtmuseum besuchen, komplett mit rekonstruiertem römischen Amphitheater. Industriekulturstandorte wie die Zechen Zollern oder Zollverein zeigen, wie traditionsbewusst und würdevoll man an Zeiten erinnern kann, in denen hier das Herz der europäischen Schwerindustrie schlug. In Münster, Bischofssitz, Hansestadt und Zentrum des Münsterlands mit 1200-jähriger Stadtgeschichte, wird regelmäßig mit Veranstaltungen und historischen Rundgängen des Westfälischen Friedens gedacht, der Anno 1648 vor Ort geschlossen wurde. Der schöne Teutoburger Wald war Schauplatz der berühmten Varusschlacht im Jahr 9 n.Chr., bei der ein germanisches Heer die römischen Legionen vernichtend schlug – das markante Hermannsdenkmal bei Detmold erinnert nachdrücklich daran. Noch weiter zurück reichen die Spuren im “neanderland” im Kreis Mettmann bei Düsseldorf, wo ein 240 Kilometer langer Rundwanderweg die Kultur- und Naturschönheiten der Region verbindet – vor 160 Jahren wurde hier das Skelett eines prähistorischen Menschen gefunden, des Neandertalers, Vorfahre der modernen Menschheit. 

Ach so: Was ist denn eigentlich mit dem Pott? Dem Ruhrgebiet? Das ist von allen Regionen wahrscheinlich diejenige, die ihre Besucher am meisten überrascht. Man hört ja immer, das Revier sei ein Patchwork aus Großstädten mit jeweils eigenem Charakter. Das stimmt. Viel wichtiger ist aber, dass es im Ruhrgebiet viel mehr Grün und Natur als Großstädte gibt. Etwa zwei Drittel seiner 4500 Quadratkilometer Fläche sind Wiesen, Felder und Weiden. Dazu kommen sagenhafte 4200 Park- und 660 Kleingartenanlagen, die in oder am Rand der Metropolen Platz gefunden haben. Und siebzehn Prozent Wald, die sind da auch noch. Anders gesagt: Es gibt in ganz Deutschland keine zweite Region, in der so viel Grün so nah an so viel Stadt liegt. 

Kurz und knackig

Seine knapp 18 Millionen Einwohner machen Nordrhein-Westfalen zum bevölkerungsreichsten Bundesland, seine 34.100 Quadratkilometer zum viertgrößten. 29 der 81 deutschen Großstädte mit über 100.000 Einwohnern liegen in NRW. Allein in dessen Zentrum, der Metropolregion Rhein-Ruhr, sind zehn Millionen Menschen zu Hause. Die Metropolregion ist einer der größten Ballungsräume Europas. Landeshauptstadt ist Düsseldorf, Karnevals- und Fußball-Konkurrent Köln ein paar Kilometer den Rhein hinauf ist mit über einer Million Einwohnern die größte Stadt. Aufeinander abgestimmte ÖPNV-Systeme verbinden die Städte der Ballungsräume und schaffen ein zusammenhängendes und in Europa einzigartiges Freizeit- und Kulturangebot.

Mit dem Aachener und Kölner Dom, der Zeche Zollverein in Essen, den Schlössern Augustusburg und Falkenlust in Brühl und Schloss Corvey in Höxter hat NRW gleich fünf UNESCO-Weltkulturerbestätten. Urlauber können mehr als 50.000 Kilometer Wanderwege entdecken und fast 14.000 Kilometer Radwege, elf Tierparks und Zoos, dreißig Kurorte und Heilbäder sowie ziemlich genau 80.000 Baudenkmäler, falls noch Zeit ist. Beliebteste Sehenswürdigkeit ist übrigens der Kölner Dom: Deutschlands größte Kirche besuchen jedes Jahr sechs Millionen Menschen.

Herr Ober!

Beim Besuch einer gutbürgerlichen Gaststätte oder eines Brauhauses müssen Vegetarier sehr, sehr tapfer sein: Fleisch ist mein Gemüse, sagen Westfale und Rheinländer, und fast alle anderen haben sich dem angeschlossen. Berühmtestes Gericht der westfälischen Küche ist wahrscheinlich der Pfefferpotthast, ein Fleischeintopf mit viel Schmalz, jeder Menge Zwiebeln, Pfeffer und Rindfleischstückchen. Eher etwas für Experimentierfreudige ist das Steinfurter Töttchen: Das Fleischragout wird traditionell aus Innereien zubereitet; mittlerweile wird oft Kalbfleisch verwendet. Bevor hinterher ein Schnaps serviert wird, trinkt man in NRW Bier aus der Region, also Alt (Düsseldorf), Kölsch (Köln) oder Pils (überall sonst). Regionale Weine kommen aus dem Anbaugebiet rund um Königswinter.   

In die rheinische Küche ist irgendwann der Hering hinein geschwommen, vielleicht wegen der nahen Niederlande, möglicherweise auch im Zusammenhang mit dem Kölner Katholizismus – auf jeden Fall wird er gerne serviert. Eine traditionelle Zwischendurchmahlzeit der Kölner ist der Halve Hahn – kein halbes Hähnchen, sondern ein halbes Roggenbrötchen (Röggelchen), dick geschnittenen Gouda-Scheiben und saurer Gurke (an der Kölner Uni ist die Verwechslungsgefahr zwischen Geflügel und Käsebrötchen nebst möglicher juristischer Folgen immer wieder Thema in den Vorlesungen). Himmel un Ääd (also: Himmel und Erde) ist überall im Rheinland verbreitet, wobei der Himmel die Äpfel meint bzw. das Apfelmus und die Erde die Kartoffeln bzw. das Kartoffelpüree; dazu gibt es meistens Blutwurst. Für den Rheinischen Sauerbraten wurde früher Pferdefleisch verwendet, heute nimmt man Rind. Es wird – in der Regel mehrere Tage lang – in einer Beize mariniert, mit Rosinen oder auch Aachener Printen gesüßt und mit Apfelmus und Kartoffelklößen serviert. 

Überall verbreitet ist die Currywurst, die eigentlich und ursprünglich aus Berlin stammt (behaupten zumindest die Berliner). Im Ruhrgebiet genießt sie einen gewissen Kultstatus und zählt zu den Grundnahrungsmitteln. Gegessen wird sie meistens mit Pommes frites, die Pommes genannt werden; im Rhein-, Sieger- und Sauerland sagt man Fritten. Und während die Kölner die Kombination aus Tomatenketchup und Mayonnaise ruutwieß nennen, heißen Pommes rotweiß im Ruhrgebiet Pommes Schranke (und vereinzelt auch noch Manta-Platte). Der Currywurst macht das alles nix, die heißt einfach Currywurst. Überall.

Et bliev nix, wie et wor

Die babylonische Sprachverwirrung ist nichts gegen die Dialektvielfalt in NRW: Ostbergisch, Ostwestfälisch, Südwestfälisch, Münsterländisch, Kleverländisch, Ruhrdeutsch, Kölsch und Bönnsch, und unterhalb der berühmten Bad Honnefer Linie (und Richtung Rheinland-Pfalz) dann auch noch diverse moselfränkische Spielarten – das war jetzt bloß eine Auswahl. Die Grenzen sind fließend, manchmal unterscheidet sich die Sprache zwischen zwei Städten so gut wie überhaupt nicht, dann wiederum gibt es Dörfer in fünf Kilometer Luftlinie voneinander, deren Dialekte sich verschieden sind wie ... sagen wir: Englisch und Schottisch. 

Der wahrscheinlich schönste Dialekt ist das Kölsch. Auch, weil in keinem anderen so pragmatisch über den Sinn des Seins und die Quintessenz des Lebens an sich sinniert werden kann. Die schönsten Lebensweisheiten haben die Kölner im sogenannten Rheinischen Grundgesetz gesammelt. Und ganz ehrlich? Mehr Erkenntnis braucht man im Leben eigentlich nicht: 

Et kütt, wie et kütt:  Es kommt, wie es kommt
Et hätt noch emmer joot jejange:  Es ist bisher noch immer gut gegangen
Wat fott es, es fott: Was weg ist, ist weg 
Et bliev nix, wie et wor:  Nichts bleibt, wie es war.

Titelbild: Am Kölner Rheinufer trifft Moderne auf Tradition, die Kranhäuser auf den Dom © Dennis Korb