Ganz tief durchatmen: Du bist im Wald. Und in was für einem Wald! Hoch über deinem Kopf wogen die Kronen von Buchen und Tannen, schräg fällt Sonnenlicht zwischen den Stämmen auf dicht bemoosten Boden, leise knackt es im Unterholz. Ein Reh? Vögel tschilpen, du spürst deinen eigenen Herzschlag. Alle Spannung fällt von dir ab, tief ziehst du die kühle Luft in deine Lungen, atmest Sauerstoff bis in die kleinste Pore. Und gehst dann langsam weiter. Schritt für Schritt auf dem Boden, den Baumnadeln und feuchtes Laub in eine wunderbar weiche, federnde Unterlage verwandelt haben. Jetzt wünschst du dir nur noch eins: Dass dieser Wald nie zu Ende gehen möge.

Diese Aussichten sind im Kreis Siegen-Wittgenstein gut. Nirgendwo in Deutschland gibt es mehr Wald als hier, im südöstlichen Nordrhein-Westfalen. Und das will etwas heißen in einer Nation, für die der Wald Mythos und Identitätssymbol ist und die ihn auch heute noch voll romantischer Verklärung betrachtet. Aber was heißt schon Verklärung? Zwischen Siegen und dem Sauerland ist der Wald tatsächlich so zauberhaft wie im Märchen. Als grünes Mittelgebirge wogt er sanft auf und ab. Ein grünes Meer, das zum tiefen Eintauchen einlädt, zu stundenlangen Wanderungen und vielen anderen Aktivitäten, die Körper, Geist und Seele gleichermaßen guttun.

Wellness in der Natur: Waldbaden

„Wer ein Stück Wald hat, braucht sonst nicht viel zum Glück“. Eine alte Sauerländer Bauernweisheit? Gut möglich. Vielleicht aber auch nur der aktuelle Instagram-Post eines rundum relaxten Waldbaders. Waldbaden ist der neueste grüne Wellness-Trend, kommt aus Japan, wo es Shinrin-Yoku heißt, und bedeutet nichts anderes, als sich ganz der Atmosphäre des Waldes hinzugeben – bei einem Spaziergang, einer Wanderung oder einfach nur meditierend auf einem Baumstumpf. Dass ein paar Stunden im Wald die Seele streicheln, kennt jeder aus eigener Erfahrung. Doch auch physisch wirkt das Waldbaden positiv: Die mikrobiologischen Duftstoffe, die Bäume und Pflanzen freisetzen, lassen unser Immunsystem besser funktionieren. Gleichzeitig wird der Blutdruck gesenkt und die Produktion von Stresshormonen reduziert.

Warum tankt eigentlich die Seele beim Waldbaden auf?  Die vielen Grünschattierungen der Natur wirken ebenso beruhigend auf die Psyche wie der Duft nach Harz und Moos und das Plätschern eines Waldbachs. Wir können geradezu spüren, wie Sorgen und schwere Gedanken von uns abfallen und im Laub verschwinden. Wie sich unsere Kraftquellen neu füllen. Und noch etwas spricht fürs Waldbaden: Nirgendwo brauchen wir gutes Wetter so wenig wie im Wald, wo uns die Baumkronen vor den heftigsten Niederschlägen schützen. Ein Tiefdruckgebiet ist im Anmarsch? Dann nichts wie los zum langen Waldspaziergang. Das rhythmische Prasseln von Regentropfen auf Blättern ist übrigens die schönste Wellness-Musik überhaupt.

Weitwandern und Wisente

In den Wäldern von Siegen-Wittgenstein kann man nicht nur Atmosphäre tanken, sondern auch aktiv werden. Zum Beispiel auf dem Rothaarsteig. Über 154 Kilometer weit und in acht Etappen führt der als einer der schönsten Höhenwege Europas bekannte Wanderweg von Brilon bis ins hessische Dillenburg. Auch wer sich nur tageweise einklinkt, bekommt reichlich geboten: Ruhepausen auf originell gestalteten „Waldliegen“ und „Waldsofas“, jede Menge Aussichtspunkte und Schutzhütten und, last not least, eine 40 Meter lange Hängebrücke über die Waldschlucht beim Dorf Kühhude. Erinnerst du dich an den Orkan Kyrill im Jahr 2007? Den Schaden, den er bei Schmallenberg im Wald angerichtet hat, kannst du auf dem „Kyrill-Pfad“ genauer untersuchen, denn der führt dich über Leitern und Stege zu umgeworfenen Stämmen und übermannshoch in die Luft ragenden, freigelegten Wurzeln.

Sollte dir am Rothaarsteig irgendwann ein zwei Meter hoher, dunkelfelliger und mit gewaltigen Kiefern mahlender Rinderbulle begegnen, hat du übrigens nicht geträumt: Es ist tatsächlich ein Wisent. Wisente sind die größten freilebenden Säugetiere Deutschlands, galten als beinahe ausgestorben, doch seit 2012 grast eine Rinderherde im Rahmen eines Artenschutzprojektes in freier Wildbahn zwischen Bad Berleburg und Schmallenberg. So richtig leicht sind sie nicht zu finden. Wenn du also auf Nummer sicher gehen willst, besuche stattdessen die „Wisent Wildnis“, ein 20 Hektar großes, naturbelassenes Gehege, wo eine weitere Herde zuhause ist. Und ein Wanderwege direkt zu ihren Weiden führt.

Und so kommt ihr mit der Bahn nach Siegen: Anreise planen.

Titelbild: Grenzenloser Wunderwald: Nirgends in Deutschland gibt es mehr Waldflächen als im Kreis Siegen-Wittgenstein  © Tourismus NRW e.V. - Oliver Franke