Vor 30 Jahren wurden die Nationalparks in Mecklenburg-Vorpommern gegründet – bei einem Streifzug durch den Nationalpark Jasmund erzählt einer ihrer Gründerväter von den spannenden Anfängen und der Zukunft der Schutzgebiete.

Unmöglich. Unmöglich, sich bei einem Spaziergang unter dem dichten Blätterdach der jahrhundertealten Buchen, zwischen deren mächtigen Stämmen immer wieder die Ostsee hervorblitzt, nicht vom Zauber der Natur ergreifen zu lassen. Tausende Besucher streifen Jahr für Jahr andächtig staunend durch dieses Naturparadies an der Ostküste Rügens, lassen sich vom Blick von den berühmten Kreidefelsen auf die Ostsee überwältigen. „Der Jasmund ist zwar Deutschlands kleinster Nationalpark, mit seiner einzigartigen Landschaft, dem Dreiklang von Kreideküste, Wäldern und Wasser aber ein herausragender,“ erläutert der Geobotaniker Hans-Dieter Knapp. Und weiter: „Die Steilküstenwälder sind nie wirklich zur Holzgewinnung genutzt worden – zu steil, zu gefährlich, zu mühsam. Und der alte Buchenwald ist einer der ganz wenigen dieser Art in Europa. Mit dem UNESCO-Welterbe-Status hat er den höchsten Schutzstatus“.

Der emeritierte Biologie-Professor Knapp gilt als Gründervater des Nationalparks Jasmund. Nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Aktivist setzte sich der gebürtige Rüganer in der DDR viele Jahre für die Einrichtung von Naturschutzgebieten ein. „Es gab 1989 eine unglaubliche Aufbruchssituation, wir haben einfach die Gunst der Stunde genutzt. Als Bürgerinitiative hatten wir im Dezember 1989 ein Konzept für den Müritz-Nationalpark geschrieben und darin auch weitere Landschaften erwähnt, die im Sinne von Nationalparken entwickelt werden könnten”. Hans-Dieter, genannt Hannes, der noch heute, als schlohweißer, bald 70-Jähriger den rebellischen Geist junger Jahre besitzt, wechselt damals die Schreibtischseite: „Im Januar 1990 rief mich der stellvertretende Umweltminister Michael Succow zu sich nach Berlin – und von einem Tag auf den anderen saß ich dann im Ministerium, um mit dem Nationalparkprogramm umzusetzen, was wir als Umweltinitiative angeregt hatten.“ Zwar hatte Knapp, der engagierte Umweltschützer, auch schon vorher für die Umweltbehörde gearbeitet – doch quasi über Nacht wurde er nun vom mahnenden Bittsteller zum freihändig agierenden Macher. Plötzlich besaß er Mittel und Möglichkeiten, lang gehegte Ideen der Bürger-Umweltinitiativen Realität werden zu lassen.

Einst Staatsjagdgebiet, heute Nationalpark

In den folgenden Monaten tourte Knapp landauf, landab durch die neuen Bundesländer und stellte eine Liste schutzwürdiger Flächen zusammen. Überall gab es auch in der DDR Bürger-Initiativen, die sich für den Schutz der Natur in ihrer Heimatregion stark machten – viel bewegen können hatten sie bis dato aber nicht. Denn Natur, insbesondere Wald, besaß für die Regierung vor allem als Wirtschaftsfaktor eine Bedeutung: Holz war Handelsware. Zwar galt für viele Wälder ein Betretungsverbot, doch das diente nicht in erster Linie dem Naturschutz. Als Staatsjagdgebiete waren sie für den Durchschnittsbürger tabu. Nun wurden diese Areale zum Kapital der Umweltschützer: „Viele der heutigen Schutzgebiete waren früher Staatsjagdgebiete, die von der Holzwirtschaft ausgenommen waren. Dadurch haben sich dort teils sehr alte Waldgebiete erhalten“, erzählt Knapp. Was lange Jahre unmöglich schien, ging nun ganz schnell: In seiner letzten Sitzung, am 12. September 1990, stellte der Ministerrat der DDR rund ein Zehntel der gesamten Landesfläche Ostdeutschlands unter Naturschutz. Fünf Naturlandschaften wurden zu Nationalparks erklärt, sechs zu Biosphärenreservate und drei zu Naturparks. Inzwischen wurden weitere Gebiete unter Schutz gestellt. 

Einige Impressionen aus verschiedenen Schutzgebieten in Mecklenburg-Vorpommern gibt es hier in der Bildergalerie: 

Die Natur hat tausend Gesichter

Allein in Mecklenburg-Vorpommern gibt es mit dem Jasmund, der Müritz und der Vorpommerschen Boddenlandschaft heute drei Nationalparks und drei Biosphärenreservate. Dazu kommen ein halbes Dutzend Naturparke. Jedes der Schutzgebiete hat seinen eigenen Charakter, jedes seine landschaftlichen und ökologischen Besonderheiten – und seinen eigenen Reiz. Die aus Inseln und Halbinseln, aus Lagunen und Sandbänken zwischen Fischland und Hiddensee bestehende Boddenlandschaft etwa verändert fortwährend ihr Gesicht; Wind und Wellen formen die Küstenlinie hier Tag für Tag neu. Im Frühjahr und im Herbst ist der lange Küstensaum Rastplatz von Zugvögeln, dann rasten dort allein 60.000 Kraniche – so viele wie nirgendwo sonst in Europa. Der Jasmund ist bekannt für die Kreideküste und den Königsstuhl – doch weit mehr Fläche machen die alten Buchenwälder, Bachtäler, Moore und Seen aus. Während man dort stundenlang wandern kann, ist der Müritz-Nationalpark in der Mecklenburgischen Seenplatte insbesondere ein Paradies für Wasserwanderer. Tage-, ja wochenlang kann man hier über die vielen miteinander verbundenen Seen paddeln. Rund 70 Prozent des mehr als 300 Quadratkilometer großen Nationalparks sind von Wald bedeckt, durchzogen von einem verästelten Flickenteppich aus mehreren hundert Seen, Flüssen und Mooren. Ein riesiges Gebiet, das zum Lebensraum zahlreicher bedrohter Arten geworden ist. In den Kernzonen der Nationalparks darf sich die Natur ungestört entwickeln, der Mensch greift weder lenkend noch pflegend ein. Von Rangern geführte Wanderungen, Veranstaltungen und Ausstellungen in den Naturerlebniszentren vermitteln den Besuchern der Schutzgebiete spannendes Hintergrundwissen zur Fauna und Flora der Landschaften.

So kommt ihr mit der Bahn zum Müritz-Nationalpark: Anreise planen.

Die Schutzgebiete haben auch einen Bewusstseinswandel bewirkt

Knapp und seine Mitstreiter haben viel erreicht, schließlich hat nicht zuletzt die Einrichtung von Schutzgebieten zu einer höheren Wertschätzung der Natur beigetragen: „Das Bewusstsein für Naturwerte zu stärken, war und ist ein Ziel der Schutzgebiete. Mit den Nationalparks als Flaggschiffen des Naturschutzes in Deutschland ist das ein gutes Stück vorangekommen. Die Nationalparks sind heute hoch geschätzt und nicht mehr wegzudenken. Vor 30 Jahren sah das noch anders aus.“ Ein neuer Meilenstein war 2011 mit dem UNESCO-Welterbe-Status der Buchenwälder an Rügens östlicher Steilküste und im Müritz-Nationalpark erreicht. Die Bäume hier sind teilweise mehrere hundert Jahre alt; manche Ecken, insbesondere an den unwegsamen Steilhängen auf Rügen gelten gar als urwüchsiger Wald – denn aufgrund der schwierigen Bedingungen wurde der Wald vermutlich nie forstwirtschaftlich genutzt.

Auf der kleinen Insel Vilm vor Rügens Küste verbrachte der Geobotaniker Knapp den größten Teil seines Berufslebens. Hier feilte er am Konzept für die Nationalparks – und gründete die Naturakademie, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2015 leitete. Zur Ruhe gesetzt hat sich der umtriebige Professor jedoch längst nicht, er kämpft weiter für den Schutz der Natur. Nicht nur, aber vor allem auf Rügen. Hier wirkt er auf eine Erweiterung des Biosphärenreservats Südost-Rügen hin. Denn das sei eigentlich viel zu klein, meint Knapp – und fügt an: „Wir waren damals einfach zu bescheiden.“ Bislang umfasst das Schutzgebiet den Südosten Rügens, den Bodden zwischen Putbus und Thiessow, einige Küstenstreifen und die Insel Vilm – eine Fläche von rund 228 Quadratkilometern. Die UNESCO gibt Knapp recht: Nach ihren Richtlinien muss ein Biosphärenreservat mindestens 300 Quadratkilometer groß sein. Zufrieden aber will er sich auch dann nicht geben. Seine Vision: Die gesamte Insel Rügen wird zum Biosphärenreservat. 

So kommt ihr mit der Bahn zum Jasmund Nationalpark: Anreise planen.

Titelbild: Die Kreidefelsen auf Rügen empfand nicht nur Caspar David Friedrich als malerisch © TMV/Tiemann