Die „Zeit zwischen den Jahren“ werden jene 11 Tage und 12 Nächte vom 25. Dezember bis zum 6. Januar auch genannt. In dieser etwas unwirklichen Zeit ist es ja bekanntlich auch besonders dunkel. Und so sind es natürlich nicht so sehr die Tage, sondern vor allem die sogenannten Rauhnächte, die dann ihren eigenen, gruselig-schönen Zauber entfalten. Bei geführten Fackel-Wanderungen werden geheimnisvolle Sagen und Bräuche wieder lebendig.

Mit Fackeln durch die Dämmerung

So auch im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land in der GrimmHeimat NordHessen. Rund um den Hohen Meißner mit seiner flachen Kuppe halten Naturparkführerinnen die alten Geschichten bei gemütlichen Winterwanderungen am Leben. In der Abenddämmerung werden nach und nach Fackeln entzündet, so dass es bei der Wanderung über den nächtlichen Berg immer heller wird. Unterwegs werden Geschichten über Frau Holle und die Rauhnächte erzählt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dürfen ihre Wünsche fürs neue Jahr auf einen Zettel schreiben und an einen Baum hängen und im Anschluss wartet ein typisch rustikales Essen am Bollerofen in der Viehhaushütte oder in einem Restaurant.

Bei einer Fackelwanderung im leichten Schneetreiben werden die alten Sagengestalten wieder lebendig
Bei einer Fackelwanderung im leichten Schneetreiben werden die alten Sagengestalten wieder lebendig © Geo-Naturpark Frau-Holle-Land

Geschichten von Frau Holle

Der Name des Geo-Naturpark Frau-Holle-Land stammt übrigens tatsächlich von der alten Sagengestalt, um die sich in der Region nahe an der Grenze zu Thüringen besonders viele Geschichten ranken. Das gleichnamige Märchen der Brüder Grimm basiert ebenfalls auf den überlieferten Erzählungen rund um Frau Holle. Die Sagengestalt hinter der Grimmschen Märchenfigur ist aber deutlich vielschichtiger. In vielen europäischen Ländern tritt sie unter verschiedenen Namen in Erscheinung: Hulda, Perchte, Frau Fricke, Frau Schunkel, Berta, Trempe, Stampa, Baba Jaga oder Mare. Ursprünglich war Frau Holle eine Naturgöttin. Als solche hatte sie unter anderem Macht über die Natur und die Jahreszeiten. Sie war nicht nur freundlich und gut, sondern konnte auch streng und strafend auftreten. Fleißige Frauen durften darauf hoffen unerwartet ein Silberstück zu finden, zänkische Mädchen und trunksüchtige Jungs hingegen wurden in Katzen oder Kälber verwandelt. Und da der Hohe Meißner in der Region von jeher ein mystischer Ort des Werden und Vergehens ist, besteht hier nicht nur zu Frau Holle, sondern auch zu den Rauhnächten eine besonders enge Beziehung.

Frau Holle hat viele Gesichter – und zeigt sich auch gerne in Gestalt einer der Naturparkführerinnen
Frau Holle hat viele Gesichter – und zeigt sich auch gerne in Gestalt einer der Naturparkführerinnen © Marco Lenarduzzi

Das offene Geisterreich

Einst glaubte man, dass in den Rauhnächten das Geisterreich für eine gewisse Zeit offen stünde. Kein Wunder also, dass sich daraus einige, inzwischen mitunter durchaus kurios anmutende Ge- und Verbote ergaben: Zwischen Weihnachten und Dreikönigstag sollte keine Wäsche gewaschen werden – sie könnte ansonsten mitgenommen und dem Besitzer im folgenden Jahr als Leichentuch übergeben werden. Haare und Nägel durften nicht geschnitten werden, andernfalls drohten Schmerzen an eben diesen Stellen. Gleichzeitig konnte aber auch ein wenig dem Schicksal auf die Sprünge geholfen werden. Wer etwa an den Zaun des Nachbarn klopfte, durfte hoffen, dass dessen Hühner demnächst ihre Eier auf der falschen, eigenen Seite der Grundstücksbegrenzung ablegten. Und wenn sich ein unverheiratetes Mädchen nachts an eine bestimmte Kreuzung stellte, konnte sie die Gestalt des Zukünftigen als Geist vorbeispazieren sehen. Ob das auch für junge Männer funktionierte, ist nicht überliefert.

In den Raunächten steht das Reich der Menschen den Geistern offen – bei solchen Sonnenuntergängen im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land erscheinen die alten Geschichten gar nicht mehr so abwegig
In den Rauhnächten steht das Reich der Menschen den Geistern offen – bei solchen Sonnenuntergängen im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land erscheinen die alten Geschichten gar nicht mehr so abwegig © Peter Kerst

Kirschblüte und Mohndörfer

Die alten Geschichten passen wunderbar in die bezaubernde Landschaft des Geo-Naturparks – zu jeder Jahreszeit. Die Winter auf dem Hohen Meißner sind großartig. Der Schnee oder der Reif knistern dann bei jedem Schritt unter den Füßen, alles schimmert im Sonnenlicht. Der Hohe Meißner ist eine Wettergrenze. Von Westen her kommt reichlich Schnee, so dass hier auf gut 750 Metern oft alles weiß ist, während Richtung Osten im Tal gar kein Schnee liegt. Im Winter lässt es sich auf dem Berg bestens Langlaufen und Schlittenfahren, auch etwas Alpenski-Sport ist möglich. Im Frühling blühen 100.000 Kirschbäume, und Ende Juni öffnen sich die rosafarbenen Blüten des Schlafmohns, der hier seit einigen Jahren wieder angebaut wird. Seltene Orchideen wie der Frauenschuh haben im Geo-Naturpark ihr Zuhause, Arnika und Enzian gedeihen prächtig. Wanderfalken, Wildkatzen und Luchse leben dort. Gleichzeitig ist die Region auch geologisch sehr vielfältig. Es gibt über 200 Geotope, besonders empfehlenswert ist die Kitzkammer mit ihren sechseckigen Basaltsäulen. Zudem könnt ihr durch Fachwerkstädtchen wie Bad Sooden-Allendorf oder Eschwege bummeln.

Äußerst reizvoll – ein Winterwanderung durch den Geo-Naturpark Frau-Holle-Land bei einbrechender Dunkelheit
Äußerst reizvoll – eine Winterwanderung durch den Geo-Naturpark Frau-Holle-Land bei einbrechender Dunkelheit © Peter Kerst

Gummibärchen-Orakel

Früher verbrachten die Menschen die Rauhnächte mit Beten und Fasten, um nicht von den Geistern dieser dunklen Zeit bedroht zu werden. Ställe und Zimmer wurden ausgeräuchert, um böse Energien und Geister loszuwerden. Ob das Wort Rauhnacht von diesem Räuchern kommt oder eher von Rauware, Fellzeug, das die Geister am Leib trugen, ist ungeklärt. Damit es nicht allzu düster wird, hat sich bei den Naturparkführerinnen des Geo-Nationalparks mit dem Gummibärchen-Orakel eine neue Rauhnacht-Tradition etabliert: Jeder angelt sich einen Fruchtgummi. Und die Farbe des Bärchens erzählt, welche Themen im kommenden Jahr im Leben des jeweiligen Menschen eine wichtige Rollen spielen werden: Rot steht dabei für Energie, Liebe, Freude, Kraft und Aktivität. Gelb für Geld, Begabung, Karriere, Glanz und Wohlstand. Weiß prophezeit Klarheit, Wissen, Weisheit und Führung. Grün bedeutet (Selbst-)Vertrauen, Frieden, Rat, Vernunft und Belastbarkeit. Und Orange schließlich spricht für mehr Leichtigkeit, Kontakte und Kreativität im Alltag. Nur ein Spass, natürlich, aber bestimmt angenehmer als Fasten mitten im Winter. An einige der alten Bräuche wird aber bis heute festgehalten. So bleibt die Waschmaschine zwischen den Jahren meist still…

Titelbild: Leise knistert der Schnee – in den Rauhnächten beginnt die mystische Zeit des Jahres © Marco Lenarduzzi

In Zusammenarbeit mit Hessen Tourismus

Wandern durch stille Mittelgebirge, alte Buchenwälder oder Streuobstwiesen, Paddeln auf der Lahn, schönstes mittelalterliches Fachwerk gucken und die Atmosphäre historischer Kurorte schnuppern – Hessen macht romantische Seelen rundum glücklich. Bei Weinwanderungen, in hessischen Metzgereien und bei „Handkäs mit Musik“, einem eingelegten Käse, kommen aber auch Genießer voll auf ihre Kosten. Gründe für einen Urlaub in Hessen gibt es genug!

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