In Zusammenarbeit mit der Welterberegion Wartburg Hainich

Mühlhausen ist eine geschichts- und traditionsreiche Stadt, deren Anfänge bis in das Mittelalter zurückreichen. Noch heute ist durch die historische Wehranlage und alten Fachwerkbauten ein Hauch vergangener Zeiten zu spüren. Auch die vielen traditionellen Feste der Stadt, wie das Brunnenfest oder Deutschlands größte Stadtkirmes, machen Mühlhausen zu einem attraktiven Reiseziel in der Welterberegion Wartburg Hainich.

Der Platz ist noch leer, so früh am Morgen. Nur ein paar vereinzelte Spaziergänger und Fahrradfahrer sind auf den gepflasterten Straßen unterwegs. Und so sind es nur wenige, die den Anblick der historischen Wehranlage genießen können, hinter der gerade die Morgensonne aufgeht und die Spitze des Rabenturms in goldenes Licht taucht. Bei diesem friedvollen Anblick der gerade erst erwachenden Stadt ist es kaum zu glauben, dass die rund 800 Jahre alte Mauer aus hellem Stein mit zwei spitzen Türmchen einst zur Verteidigung Mühlhausens diente. Insgesamt 2,2 Kilometer sind von der historischen Wehranlage erhalten geblieben. Dazu gehören das Frauentor und der Rabenturm, von dessen Aussichtsplattform auf 34 Metern Höhe man einen weiten Blick über Stadt und Umgebung genießen kann.

Heute werden auf dem Blobach, dem großen Platz vor dem Frauentor, keine Eindringlinge mehr abgehalten. Stattdessen beginnt hier jedes Jahr am Ostersamstag die erste große Feierlichkeit Mühlhausens: das Frühlingsfest. – In diesem Jahr vom 16. bis 24. April. – Dann hört man, wie das Lachen der Kinder, die im Karussell durch die Luft sausen, von der alten Stadtmauer widerhallt und bei dem traditionellen Feuerwerk entlang der Wehranlage erwacht Mühlhausen mit lautem Knall aus dem Winterschlaf. Wenn die Mittelalterstadt mit ihren behutsam restaurierten Fachwerkhäusern und kunstvoll gestalteten Bauten dann im bunten Raketenlicht liegt, wundert es nicht mehr, dass es ein Mühlhauser Architekt war – August Röbling – der die berühmte Brooklyn Bridge in New York konstruierte. Wer in dieser Kulisse groß wird, hat sicherlich genug architektonische Inspiration für ein ganzes Leben.

Die Anfänge der Mittelalterstadt Mühlhausen

Die Stadt Mühlhausen liegt eingebettet in die fruchtbare Talaue der Unstrut, einem Nebenfluss der Saale und zwischen den Höhen des Nationalparks Hainich und dem Eichsfeld. Wer auf Mühlhausen zufährt, kann 13 Turmspitzen zählen, die über die roten Dächer der Stadt ragen. Dieser imposante Anblick verlieh der Stadt bereits im Mittelalter den Beinamen „mulhusia turrita“, das turmreiche Mühlhausen.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Stadt im Jahr 967. Im 11. Jahrhundert entstand die Altstadt mit ihrer Marktsiedlung und 1200 wurde die Stadtmauer mit 38 Wehr- und Kanzeltürmen um die Innenstadt herum errichtet. Einige dieser Türme wurden Jahrhunderte später zu hübschen Pavillons mit Sprossenfenstern umgebaut, die die dunklen Gemäuer mit Licht füllen. Hier können Touristen die Aussicht über die Stadt genießen und dabei auch etwas über die ehemalige Nutzung der Wehranlage lernen. Von den sieben Doppeltoren ist heute nur noch das Frauentor erhalten. Vier Torbögen geben den Weg in die Innenstadt frei. Wer hindurch schreitet und genau hinschaut, kann vielleicht ein Kindergesicht hinter den Schießscharten erkennen, das durch die schmalen Schlitze im Mauerwerk lugt. Denn der alte Wehrgang ist von Ostern bis Oktober für Touristen geöffnet, die das historische Flair einmal hautnah erleben möchten.

Über das Kopfsteinpflaster geht es auf der Herrenstraße weiter in den Innenstadtkern hinein. Bunte Häuser mit weißen Sprossenfenstern säumen die Straße. Je weiter man der Straße folgt, desto größer erhebt sich ein Turm über die roten Dächer der eng stehenden Häuser. Denn hier in Mühlhausen steht die zweitgrößte Kirche Thüringens: die Marienkirche. Die fünfschiffige gotische Hallenkirche prägt bereits seit dem 15. Jahrhundert das Stadtbild. Wer auf dem Platz vor der Kirche den Kopf in den Nacken legt, wird mit dem Anblick hunderter keiner Türmchen und kunstvoller Skulpturen belohnt, die die helle Steinfassade zieren.

Der Reformator Thomas Müntzer nutzte die Marienkirche als Podium für seine Reden.
Der Reformator Thomas Müntzer nutzte die Marienkirche als Podium für seine Reden ©Tino Sieland

Die Wiege des Deutschen Bauernkrieges

Ob bereits Thomas Müntzer bei diesem Anblick staunend innehielt? Der Theologe und Reformator nutzte die Marienkirche von 1523 bis 1525 als Podium für seine Reden und machte Mühlhausen damit zu einem Zentrum der Reformation. Inspiriert von Martin Luther, der unweit auf der Wartburg von 1521 bis 1522 getarnt als Junker Jörg das Neue Testament übersetzt hatte, strebte der Revolutionär eine kirchliche Reform und politische Neuordnung an. Dadurch wurde er zum Anführer des Bauernkriegs in Thüringen. Bis heute beherbergt der Kirchenraum der Marienkirche eine Gedenkstätte. Eine weitere sehenswerte Ausstellung zum Bauernkrieg bietet auch die Kornmarktkirche.

Noch älter als die Marienkirche ist das historische Rathaus. Der gotische Kernbau, bestehend aus der Rathaushalle und der Ratsstube, wurde bereits 1270 errichtet und über die Jahre hinweg durch jüngere Bauten ergänzt. „Dehr Herr bewahr deinen Eingank unt deinen Ausgank“ steht in weißen Buchstaben über dem geschwungenen Eingangstor. Ein Wunsch, den man den Mühlhäusern auch jährlich Ende August zurufen sollte. Denn da beginnt in der sonst so beschaulichen Stadt die deutschlandweit größte Stadtkirmes. Zehn Tage dauert das bunte Treiben, das die Stadt bereits seit 1877 durchführt. Dann füllen sich die Gassen mit Lachen und dem herrlichen Geruch nach gebrannten Mandeln, Zuckerwatte und Thüringer Bratwurst. Auch in diesem Jahr wird das Stadtfest vom 26. August bis 3. September stattfinden.

Pflaumenblüten und Orgelmusik nimmt man in Mühlhausen sehr ernst

Ähnlich groß wie die Kirmes ist auch das Pflaumenblütenfest, das jährlich an Pfingsten gefeiert wird. Schließlich zählt das Mühlhäuser Pflaumenmus zu dem beliebtesten Deutschlands. Jährlich wandern im Werk am Bahnhof 3.400 Tonnen Pflaumen durch die Hallen, woraus täglich 50.000 Gläser des köstlichen Fruchtmuses entstehen. Kein Wunder also, dass die Mühlhäuser die Pflaumenblüte so dankbar feiern. Dabei treten in der Innenstadt auf drei Bühnen verteilt unterschiedliche Bands auf und füllen die Stadt mit volkstümlichen, rockigen und poppigen Musikklängen, die durch die Gassen hallen, bis auch wirklich jeder mit beschwingtem Schritt über das Kopfsteinpflaster tänzelt. 

Musikfans wird Mühlhausen aber auch aus einem anderen Grund bekannt vorkommen. Und dieser hat mit der Divi-Blasii-Kirche zu tun. Erbaut zwischen 1270 und 1290 gehört die Kirche mit den zwei Türmen nicht nur zu den frühesten gotischen Kirchen Mitteldeutschlands. 1707 bis 1708 ging hier auch ein Mann ein und aus, dessen musikalisches Werk bis heute weltweit in Ehren gehalten wird: Johann Sebastian Bach. Der damals 22-Jährige Komponist war in dieser Zeit Organist der Kirche und füllte das alte Gemäuer mit herrlichen Orgelklängen. Ein Klangerlebnis, das mit Sicherheit eine Zeitreise wert wäre. Doch so lange das Zeitreisen noch nicht möglich ist, wird es auch diese mittelalterlich anmutende Stadt schaffen, Besucher für eine Weile in eine frühere Zeit zu versetzen. 

Mit der Bahn bequem und ohne Stau nach Mühlhausen: Anreise planen.

Titelbild: Die 1200 erbaute Verteidigungsanlage von Mühlhausen. © Tino Sieland

Weitere Artikel aus Thüringen