Von Fledermäusen, Prinzessinnen und vielen zauberhaften Begegnungen: Eine Reise nach Hessen – dorthin, wo viele Märchen der Brüder Grimm ihren Ursprung haben.

Nun waren gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, waren es lauter große schöne Blumen, die taten sich von selbst auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich wieder als Hecke zusammen. 

Märchen "Dornröschen", Brüder Grimm

Wir sehen alte Eichen mit knorrigen Astlöchern, die wie Augen aussehen. Zauberhaft zarte Pilze, die auf abgestorbenen Stämmen wachsen. Große Farne und tiefes Grün. Erleben eine große Stille. Im Urwald Sababurg im Reinhardswald machen wir ein Picknick. Auf einer Decke sitzend vespern wir und lesen den Kindern ein Grimm-Märchen vor – natürlich das von Dornröschen. Denn die nahe gelegene wildromantische Ruine der Sababurg soll Jacob und Wilhelm Grimm als Vorbild für die Beschreibung der Burg in Dornröschen gedient haben. Die Kinder staunen, als plötzlich auch noch ein Jäger, der aussieht wie aus dem Märchenbuch entsprungen, ums Eck biegt: waldgrüne Uniform, Gewehr über der Schulter, Hund an der Leine. „Ist der echt?“, flüstert meine Tochter, muss dann aber selbst lachen.

Blick auf die Sababurg in Nordhessen
Das berühmte Dornröschenschloss Sababurg ist eines der kulturellen Highlights im Naturpark Reinhardswald © Paavo Blafield

Märchen als Reiseführer

Wir reisen entlang der Deutschen Märchenstraße, die 600 Kilometer lang ist und von Hanau nach Bremen führt. Hier im hessischen Abschnitt, wo die Brüder Grimm den größten Teil ihres Lebens verbrachten, sammelten sie fast alle der berühmten Märchen, mit denen heute fast jedes Kind aufwächst. Und der Naturpark Reinhardswald ist ein so dünn besiedeltes und einsames Mittelgebirge, dass man sich nicht sehr wundern würde, wenn plötzlich auch noch das Rotkäppchen auftauchen würde – oder wenn wir den Weg zurück nicht fänden so wie einst Hänsel und Gretel. Die Phantasie wird in diesem uralten Wald durchaus etwas beflügelt. Und unser Reiseführer ist neben dem Smartphone eine schön illustrierte Ausgabe der grimmschen „Kinder- und Hausmärchen“.

Einmal Prinzessin sein

Knusper, knusper, knäuschen: In der GrimmWelt in Kassel dreht sich alles um die Märchen der Brüder
Knusper, knusper, knäuschen: In der GrimmWelt in Kassel dreht sich alles um die Märchen der Brüder © HA Hessen Agentur/Florian Trykowski

Unweit der Sababurg liegt auch Deutschlands ältester Tiergarten – dem statten wir natürlich auch noch einen Besuch ab: schauen in der BienenWelt vorbei und auf dem Bauernhof Archepark, wo Exemplare alter Haustierrassen leben. Wir beobachten Wisente und Wildpferde und erleben Greifvögel. Meine Tochter ist begeistert, als sie sich mit Mona, einem Wüstenbussardweibchen, nach der Flugschau fotografieren lassen darf. Sie sieht dabei natürlich aus wie eine sehr mutige Märchenprinzessin.

Märchenwissen auffrischen

Nach unserem Ausflug zu den Tieren des Waldes fahren wir nach Kassel, um in der GRIMMWELT, einem preisgekrönten Museum rund um das Leben und Arbeiten der Geschwister Grimm, unser Wissen über die Märchen aufzufrischen. „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“, rufen die Kinder an einer der interaktiven Stationen – und erhalten eine etwas überraschende Antwort. Im Museum erfährt man auch, dass der jüngste Grimm-Bruder Ludwig Emil ein bekannter Maler und Graphiker war. Und man kann sich weltberühmte Handexemplare der Kinder‐ und Hausmärchen ansehen – die mittlerweile ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen wurden. In diesen haben Jacob und Wilhelm handschriftliche  Korrekturen zu den Texten gemacht, bevor die Märchen endgültig gedruckt wurden. Die Grimms, die von Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebten, waren übrigens nicht nur Märchensammler. Sie initiierten auch ein wichtiges Werk der Germanistik: das Deutsche Wörterbuch, dessen Fertigstellung sie allerdings nicht mehr erlebten. Und sie setzten sich für Demokratie und Freiheit ein.

Auf dem Grimm-dich-Pfad

Wir schauen als nächstes in Marburg vorbei, wo die beiden berühmten Brüder einst studierten, denn wir möchten unbedingt den Grimm-dich-Pfad ausprobieren, der durch die Altstadt bis hinauf zum Schloss führt. Dort kann man unterwegs Figuren und Symbole aus Grimm-Märchen entdecken. Für uns als Familie ein lustiges Ratespiel: Zu welcher Geschichte gehört der Korb mit dem Wein? Der rosarote Schuh? Oder der große Fisch im Teich? Schön anzusehen sind auch das Lichtkunstprojekt „Sterntaler“ von Doris Conrad an der Universitätskirche sowie „Das blaue Licht“ im Marburger Schlossbrunnen. Aber natürlich fühlt man sich in der Stadt mit ihrem Mittelalterflair durchweg ein wenig wie in einer anderen Zeit. Auch Stadtführungen und Pauschalen rund um die Grimms werden dort angeboten.

Teuflische Sagen

Im Märchenhaus in Alsfeld, einer weiteren Station, beschäftigen wir uns mit dem Rotkäppchen-Text, denn die rote Tracht des Kindes soll wie die hiesige Schwärmer Tracht aussehen. Und in Steinau schauen wir in dem Haus vorbei, in dem die Brüder Grimm als Kinder lebten – einem schönen alten Renaissance-Fachwerkbau. Anschließend geht’s in die Teufelshöhle, Hessens älteste Tropfsteinhöhle mit geheimnisvollen Stalaktiten und Stalagmiten – und allerlei teuflischen Sagen und Geschichten dazu. Die Kinder allerdings interessieren sich mehr für die hier lebenden Fledermäuse als für die Geologie der Höhle, aber sie haben ihren Spaß. Und Fledermäuse sind ja durchaus auch sagenhafte Wesen.

Ein höchst lebendiges Denkmal

Bleibt nur noch eins – zum Abschied noch die Geburtsstadt der Grimms besuchen. Dort überlegen wir kurz, ob wir die Nacht durchmachen. Denn obwohl es über 200 Grimms Märchen gibt, hat Hanau seine ganz eigene Sage – sie dreht sich nämlich um das Brüder Grimm-Nationaldenkmal auf dem Marktplatz. Wer ist wer, fragen die Kinder und schauen zu den beiden Sprachwissenschaftlern in Bronze empor. Ja, also … in Hanau kennt man sich mit Märchen ja recht gut aus und hat daher die Geschichte in Umlauf gebracht, dass Jacob und Wilhelm jeweils um Mitternacht heimlich ihre Plätze tauschen. Das macht so ein Nationaldenkmal natürlich noch mal um einiges spannender. Die Kinder wollen unbedingt aufbleiben, um die Sache zu überprüfen, wir eher nicht. Heute keine Märchen- und erst recht keine Geisterstunde, sondern nur eine klare Ansage: Wilhelm sitzt, Jacob steht. Und wenn sie nicht getauscht haben, dann ist das auch noch morgen so. Der Vorschlag zur Güte kommt nur mittelmäßig gut an: Wir können morgen nach dem Frühstück noch mal kurz herkommen und nachschauen.

Titelbild: Einmal jährlich beeindruckt das Ensemble der Brüder Grimm Festspiele in Hanau mit ihren Inszenierungen der beliebten Märchen © Fabian Boehle

In Zusammenarbeit mit Hessen Tourismus

Wandern durch stille Mittelgebirge, alte Buchenwälder oder Streuobstwiesen, Paddeln auf der Lahn, schönstes mittelalterliches Fachwerk gucken und die Atmosphäre historischer Kurorte schnuppern – Hessen macht romantische Seelen rundum glücklich. Bei Weinwanderungen, in hessischen Metzgereien und bei „Handkäs mit Musik“, einem eingelegten Käse, kommen aber auch Genießer voll auf ihre Kosten. Gründe für einen Urlaub in Hessen gibt es genug!

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