Hektik, Stress, eine schnelllebige Zeit und stets das Gefühl, viel zu wenig für sich selbst zu tun – der moderne Alltag kann ganz schön an den Kräften zehren. Dabei reichen schon ein paar kleine Tricks, um Körper und Seele wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Sebastian Kneipp, der Pfarrer aus Bad Wörishofen, erkannte schon vor 200 Jahren, was es braucht, um die Ressourcen aufzufrischen - Wasser, Kräuter, Bewegung, gesunde Ernährung und inneres Gleichgewicht. Seine ganzheitliche Naturheillehre ist heute aktueller denn je. An diesen acht Orten kannst du dich mit Kneipp regenerieren und neue Kraft tanken.

Bad Wörishofen

Hohenpeißenberg

Murnauer Moos

Kloster Waldsassen

Dreifaltigkeitskirche Kappl - Via Porta

Gunzesried

Altmühltal

Kloster Plankstetten

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Bad Wörishofen: Mutter aller Kneipp-Orte

Idyllisch liegt Bad Wörishofen im grünen Allgäuer Voralpenland. Seit Sebastian Kneipp 1855 als Beichtvater hierher kam und hier seine Naturheillehre entwickelte, dreht sich im Ort alles um die Gesundheit. Bad Wörishofen gilt als Wiege der Kneipp-Kur, die überall im Ort präsent ist: Unter anderem im großen Kurpark, wo sich die Gäste an den Wasserstationen erfrischen, über den Barfußpfad laufen und an Heilkräutern schnuppern. 

Wichtig für Regeneration und neue Kraft ist aber auch das fünfte Element in der Kneippschen Lehre – die innere Ordnung. Kneipp-Bademeisterin Angela Hofer: „Die Kneipp-Therapie hilft hervorragend bei nervösen Störungen, die durch Stress und Erschöpfung ausgelöst werden“, erzählt sie. Genau deshalb gehören auch Meditationen, Waldbaden oder Yoga zu den Programmen in den Bad Wörishofener Hotels. Oder ein Spaziergang durch den Kurpark. „Wir haben hier zusätzlich zu unseren Kräutergärten auch einen Duftgarten”, erzählt Angela. Aber am liebsten entspannt die 58-Jährige im Rosengarten des Kurparks. „500 verschiedene Sorten und 6.000 Rosenstöcke – wenn dort alles blüht, ist es wie im Traum.“ Kneipp selbst behandelte seine Patienten übrigens im Dominikanerinnenkloster, in dem er damals als Beichtvater wirkte. Noch immer steht dort sein alter Apothekerschrank, und selbst der Brunnen im Kreuzgang, an dem er seine Wassergüsse verabreichte, plätschert noch. Im selben Gebäude wie das Kloster befindet sich heute das Kneipp-Hotel „KurOase im Kloster“. So nah kommt man den Wurzeln des Kneippschen Naturheillehre nur in Bad Wörishofen.

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Hohenpeißenberg: Barfuß durch die Berge

Wer braucht schon Bergschuhe? Martl Jung jedenfalls nicht. Der Wanderführer aus Hohenpeißenberg zieht am liebsten barfuß los. Das ist gesund, naturnah – und ganz im Sinne von Sebastian Kneipp. Schon der Pfarrer predigte das Barfußgehen. Wegen der Bewegung und wegen des Kreislaufs. Bei seinen geführten Wanderungen erzählt Martl Jung immer wieder von Kneipp. „Die Leute machen die Erfahrung aber auch ganz direkt, wenn sie sich die Schuhe ausziehen, denn der Boden wirkt wie ein kaltes Kneippbecken“, sagt er. 

Rund um seinen Heimatort Hohenpeißenberg kennt er zahlreiche Wiesen und Wege, die zum Barfußlaufen einladen. Zum Beispiel auf dem Hörnle, einem Grasberg in den Ammergauer Alpen, wo es über Wiesen und etwas Waldweg zum Gipfel hochgeht. Für den Wanderführer ist das Laufen ohne Schuhe auch eine Gelegenheit, sich mal in Ruhe auf sich selbst zu konzentrieren. „Man spürt, wie der Boden beschaffen ist, fühlt die Feuchtigkeit. Man kriegt ein besseres Auge für die Natur, weil man ja genau guckt, wo man die Füße hinsetzt.“

Noch einen Vorteil hat das Barfußwandern: Wer keine Schuhe trägt, kann viel unkomplizierter zwischendurch kneippgerecht durchs kalte Wasser waten  – zum Beispiel in der Ammer. Weitere Infos zum Barfußwandern gibt es hier.

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Murnau: Mystisches Murnauer Moos

Auf 4.200 Hektar fügen sich Moore, Feuchtwiesen und Wälder zu einem einzigartigen Mosaik zusammen: das Murnauer Moos © Shutterstock/Milan1983

Martl Jung ist nicht nur leidenschaftlicher Barfußgeher, sondern auch ebenso leidenschaftlicher Fotograf. Und manchmal verbindet er das eine mit dem anderen zu “Kneippschem Fotografieren”. Denn am liebsten fotografiert er in kleinräumigen Naturoasen. Dem Murnauer Moos zum Beispiel. “Hier kann man tolle Naturaufnahmen machen”, begeistert sich Martl. “Insekten, Schmetterlinge, Kreuzottern. Das Barfußgehen hilft vielleicht sogar bei der Motivsuche, weil man genauer auf den Boden schaut und dabei die kleinen Dinge entdeckt.” 

Das Murnauer Moos liegt in einmaliger Lage vor den Alpen und verbreitet einen mystischen Zauber. In Bezug auf Größe, Landschaftsformen sowie Flora und Fauna ist es einmalig in Mitteleuropa. Auf 4200 Hektar wachsen zahlreiche seltene Pflanzen, zum Beispiel der Sonnentau. Martl Jungs Tipp: “Wenn das Wetter passt, Schlafsack und Isomatte mitnehmen und irgendwo droben im 1000-Sterne-Hotel übernachten und im Freien auf den Sonnenaufgang wartet. Das gibt immer wieder großartige Motive.“

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Kloster Waldsassen: Wie aus Gottes Bio-Kiste

Fast tausend Jahre ist das Zisterzienserinnenkloster Waldsassen alt. Mit seiner mächtigen Barockbasilika und der berühmten Stiftsbibliothek wirkt es wie eine Bastion traditioneller Religiosität. Doch frischer Wind weht durch die Mauern, seit M. Laetitia Fech 1995 mit nur 38 Jahren zur Äbtissin gewählt wurde. Sie ließ das Kloster sanieren und richtete ein Kultur- und Begegnungszentrum mit einem vielfältigen Angebot an christlichen und spirituellen Seminaren ein. Auch die Kneippsche Lehre spielt im Programm eine Rolle. „Ausgewogene Ernährung ist einer der Grundpfeiler der Gesundheitslehre von Pfarrer Kneipp“, erzählt die Äbtissin. „Deshalb veranstalten wir für unsere Gäste Kochkurse zu Themen wie Brotbacken, Obstdörren oder Wildbeeren-Smoothies.“ 

Auch die anderen vier Elemente sind im Kloster von Bedeutung: Hydrotherapie im Kneippbecken, Pflanzenheilkunde im Klostergarten mit Kräuterspirale, Bewegung und Lebensordnung. Letzteres ist im Kloster ganz besonders gut aufgehoben – die Balance aus Körper, Geist und Seele. Als Hinführung zu mehr Achtsamkeit bietet M. Laetitia Fech ihren Gästen auch Pilgerwanderungen und ein Ruhegebet-Seminar an. „Es geht darum, sich Dinge im Leben wieder bewusst zu machen. Dankbar zu sein für die Natur, die Schönheit und unsere Sinne.“ Weitere Infos zum Kloster Waldsassen findet ihr hier.

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Pilgerweg “Via-Porta”: Mit Kneipp auf Wanderschaft

Äbtissin M. Laetitia Fech gibt nicht nur innerhalb der Klostermauern die Kneipp’sche Lehre weiter, sondern auch bei Pilgerwanderungen. „Es gibt die ‘Via Porta’, einen Pilgerweg zwischen dem Kloster Waldsassen und dem Kloster Volkenroda. Der Weg ist insgesamt über 300 Kilometer lang. Mit unseren Gästen gehen wir davon drei Teilstrecken über einen Zeitraum von drei Tagen“, erzählt sie. „Beim Gehen in der Natur wird der Geist entlastet und der Kopf ganz frei. Mit dem Gehen verbinden wir Achtsamkeitsübungen und sorgen auch für Momente der Stille. Es sind die ganz einfachen Dinge, die den Menschen wieder zu sich führen.“

Beim Pilgern gibt es viel zu sehen: Die erste Strecke führt einmal rund um Waldsassen mit seinen Kulturdenkmälern und kirchlichen Bauten. Bei der zweiten Tour geht es zur Wallfahrtskirche Maria Loretto, und Wanderung Nummer Drei startet in Eger in Tschechien, wo das Thema Wasser mit den Glauberquellen eine große Rolle spielt. 

„2020 wird bei uns im Klosterhof außerdem das Symbol der Friedenstaube angebracht“, kündigt die Äbtissin an. „Damit wird Kloster Waldsassen zu einem von drei Ausgangspunkten in Deutschland, von denen aus man über die ‘Via Porta’ den Jerusalemweg gehen kann – der größte und längste Friedens- und Kulturweg der Welt.

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Gunzesried - Das Glück der kalten Dusche

Christine Waibel-Beer steht in der Tür ihres 300 Jahre alten Bergbauernhauses im Gunzesrieder Tal im Allgäu und wartet auf ihre Gäste, die jeden Moment vom Tautreten zurückkommen müssten. Der Barfußspaziergang durch nasses, taufrisches Morgengras stellt den Auftakt zu einem Aufenthalt im Gesundheitshofel Waiblhof dar. „Das bringt den Körper ordentlich in Wallung“, schmunzelt die ausgebildete Gesundheitstrainerin. 

Im Waiblhof mit seinem kleinen Spa und großem Garten werden Gäste langsam an die Kneipplehre herangeführt. Besondere Bedeutung haben die sogenannten Hydrotherapien, die heilsamen Anwendungen auf Wasserbasis, die Kneipp in aller Welt berühmt gemacht haben. „Auch Kniegüsse und Wassertreten eignet sich für Anfänger“, berichtet Christine. „Für die Ganzkörpergüsse später braucht es Überwindung. Das Wasser ist unter zehn Grad kalt. Aber nach einem Moment pulsiert das Blut, die Haut wird rosig und es fühlt sich wunderbar an.“ Für die Gesundheitsbäuerin gehört diese Art von Erfrischung zum täglichen Ritual. Ihre Gäste dagegen schickt sie erstmal an die frische Luft, zu herrlichen Wanderungen durch die Allgäuer Bergwelt. Nach denen sie die heißgelaufenen Füße ganz im Sinne Kneipps im Bergbach kühlen können.

Weitere Infos zum Waiblhof findet ihr hier.

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Altmühltal – Mit Kneipp auf Kräuterwanderung

Wenn auf einer Wiese im Altmühltal eine dunkelhaarige Frau vor einem Gaskocher steht, in einem Pfännchen rührt und ein Grüppchen Menschen in Outdoorkleidung dabei neugierig zusieht, dann kann man sicher sein: Dagmar von der Grün veranstaltet gerade wieder eine ihrer beliebten Kräuterwanderungen. „Da draußen wächst eine unglaubliche Vielfalt an Wildpflanzen und Kräutern, die auf verschiedenste Weise verwendet werden können“ sagt die ausgebildete Heilpraktikerin und Kräuterpädagogin. 

Sie befindet sich damit ganz im Einklang mit Sebastian Kneipp. Der wurde im 19. Jahrhundert auch als „Kräuterpfarrer“ bekannt. Er hatte die Heilkraft von über 40 „verlassenen und vergessenen Kräutlein“, wie er sie nannte, erprobt und verstanden, wie man Menschen damit heilt. Wer mit Dagmar von der Grün durch die Natur wandert, lernt nicht nur ganz im Sinne Kneipps die heilenden Eigenschaften von Kräutern und Wildpflanzen kennen, sondern erfährt auch, dass sie schmecken. In ihrer eigenen Küche kann die Fränkin auf über 30 Gläschen und Dosen mit selbst gesammelten Kräutern, Samen und Wurzeln zurückgreifen. Und liegt damit total im Trend. „Viele Menschen haben keine Lust mehr auf Chemie, wollen wieder raus in die Natur“, sagt sie. „Dort finden sie übrigens nicht nur wunderbar würzige Kräuter, sondern ganz nebenbei auch sich selbst.”

Weitere Infos zur Kräuterwanderung findet ihr hier.

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Altmühltal und Oberpfalz – Kräutergärten

Rund um das Kloster Plankstetten liegen die Felder, die die Abtei bewirtschaftet © AdobeStock/Otto Durst

Wenn Dagmar von der Grün nicht gerade auf den Wiesen ihrer Heimat nach Kräutern sucht, hält sie in Gärten nach ihnen Ausschau. „Ich habe eine Schwäche für Klostergärten und das jahrhundertealte Wissen, das in ihnen steckt“ erzählt sie. „Bei Berching im Altmühltal steht beispielsweise das barocke Benediktinerkloster Plankstetten. Die haben eine große Klostergärtnerei, die viele alte Obst- und Gemüsesorten anbaut, zahlreiche Kräuter, und das alles rein biologisch.“ 

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„Ein bisschen weiter weg, bei Kemnath in der Oberpfalz, gibt es seit 2018 einen EWILPA, einen Park für essbare Wildpflanzen. Sehr interessant.“ Ein ungefähr fünf Kilometer langer Erlebnisweg führt durch die romantische Landschaft am Waldecker Schlossberg und verbindet die 13 Teilflächen des bundesweit ersten EWILPAs. „Der Park schlängelt sich durch verschiedene Naturlebensräume, in denen man die unterschiedlichsten essbaren Wildpflanzen kennenlernen kann.“

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Mehr zum Thema Kneipp in Bayern findet ihr im Video:

Titelbild: Praktisch: Was Äbtissin M. Laetitia Fech für ihre Kochkurse braucht, findet sie im Klostergarten © www.bayern.by - Gert Krautbauer