Ein perfektes Wochenende: Wo will man anfangen in Görlitz? Bei den endlos vielen Prachtbauten im historischen Zentrum? Den Museen von Weltrang? Bei Führungen durch die Filmsets von „Görliwood“ oder kulinarischem Hochgenuss? Und dann sind da noch Ausflüge in die schöne Umgebung, nach St. Marienthal und Zittau etwa oder zum Fürst-Pückler-Park. Also: Es gibt viel zu tun!

Ankommen mit einem Stadtbummel

Wer Görlitz besucht, wird augenblicklich zu einem Zeitreisenden. Denn 4.000 sorgfältig restaurierte Baudenkmäler aus einem halben Jahrtausend europäischer Architekturgeschichte lassen sich auf kurzen Wegen entdecken. Die Bauwerke aus Spätgotik, Barock, Renaissance und Jugendstil gehören zu den besterhaltenen in Mitteleuropa. Und noch eine Besonderheit macht die Stadt aus: Nach dem Krieg geteilt, wurde Görlitz 1998 mit ihrer polnischen Schwesterstadt zur Europastadt Görlitz/Zgorzelec erklärt. Die Friedensbrücke, unter der die Neiße hindurchfließt, verbindet sie.

Dank der im Zweiten Weltkrieg nicht zerstörten Innenstadt ist Görlitz das größte Flächendenkmal Deutschlands. Insbesondere die Bauwerke in der Altstadt faszinieren den Betrachter: Renaissance-Bürgerhäuser mit reich verzierten Fassaden, kunstvolle Gewölbe und bemalte Decken, prachtvolle Innenhöfe und Barockportale. Zu den markantesten Gebäuden zählt das Rathaus, dessen älteste Teile aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammen. Bewundernswert sind die Rathaustreppe und die Ziffernblätter der Uhr am Rathausturm aus dem Jahr 1524.

So kommt ihr mit der Bahn nach Görlitz: Anreise planen.

Der Blick in die Innenstadt verrät, dass Görlitz eine reiche Stadt war. Gelegen an der „via regia“, galt sie im Mittelalter als einflussreiches Zentrum des Handels und der Wissenschaften in Europa. Gehandelt wurde vorwiegend mit „Waid und Tuchen“ – aus der Zeit der Tuchmacher stammen die einzigartigen Hallenhäuser mit Zufahrten so breit, dass ein komplettes Pferdefuhrwerk hindurchpasste. Das Stadttheater, das Jugendstilkaufhaus, das repräsentative Bahnhofsgebäude und der Postplatz repräsentieren das größte geschlossene Gründerzeitviertel, es entstand um 1900. 

Die Stadtgeschichte lässt sich im Kulturhistorischen Museum samt ihrer Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften nachspüren. Das Senckenberg Museum für Naturkunde gibt Einblick in die Natur der Oberlausitz, das Schlesische Museum in die reiche Kultur. Einen Denkmalbesuch der besonderen Art bietet die Landskron Brau-Manufaktur von 1869, hinter deren Backsteinmauern noch immer nach traditionellem Verfahren gearbeitet wird, die Verkostung des Gerstensafts ist ein Hochgenuss. Genussvoll ist auch die Pause in einem der schönen Cafés. Unbedingt probieren: Schlesische Mohnklöße, auch Mohnpielen genannt – frisch mit Zimt und Zucker bestreut ein Gedicht.

Ein Hauch von Hollywood beim Walk of Görliwood 

„Film ab“ heißt es dann bei einer Führung durch die Filmstadt Görlitz: Rund 100 nationale und internationale Produktionen machten hier Station, darunter die starbesetzte und vierfach Oscar®-prämierte Hollywood-Komödie „Grand Budapest Hotel“ von Wes Anderson, „Der Vorleser“ mit Kate Winslet und „In 80 Tagen um die Welt“ mit Jackie Chan. In der ARD-Krimireihe „Wolfsland“ spielt die Stadt nun erstmals sich selbst, neben dem Kommissarenduo Yvonne Catterfeld und Götz Schubert. Görlitz ist Görliwood® und gewinnt damit sogar einen Award als DIE europäische Filmlocation des Jahrzehnts.

Und dann lernt man: Görlitz schmeckt. Und wie! Abendessen in einem der hübschen Altstadtrestaurants, bedeutet Dinieren auf höchstem Niveau. Ob traditionell schlesische, böhmische oder internationale Küche, die Görlitzer Wirte verstehen ihr Handwerk. Ein Klassiker ist etwa das Schlesische Himmelreich, für die Leibspeise der Neißestadt nimmt man Kasselerkamm, getrocknete Pflaumen, Aprikosen, ein paar saftige Klöße sowie Mehl und Butter für die Soße. Das Essengehen ist hier oft auch mit einer spannenden Exkursion in die architektonische Vergangenheit verbunden – in fackelbeschienenen Gewölben historischer Gemäuer rund um Unter- und Obermarkt, Neiß- und Peterstraße hat es ein ganz besonderes Flair.

Die spirituelle Seite von Görlitz

Die Europastadt ist auch eine Station der touristischen Route Via Sacra. Die zieht sich durch die Oberlausitz bis nach Niederschlesien und verbindet in Sachsen neun Orte mit bemerkenswerten sakralen Schätzen, darunter auch solche in Görlitz. Als ein absolutes Highlight glänzt hier das Ensemble des Heiligen Grabes – der älteste symbolische Landschaftsgarten Europas erinnert mit drei sakralen Gebäuden an die Passion Jesu und ist Pilger- und Andachtsstätte. Die gesamte Anlage ist eine Nachbildung der wichtigsten Teile in der großen Grabeskirche in Jerusalem, die der einstige Bürgermeister Georg Emmerich 1465 nach seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land hier in Görlitz nachbauen ließ.   

Görlitz mit seinen spirituellen Orten ist zudem ein idealer Ausgangspunkt zum Pilgern. Die Klöster, Kirchen und Pilgerwege in Sachsen bieten ein passendes Umfeld zum Kraft schöpfen und für Auszeiten zur inneren Einkehr. Durch eine der schönsten Gegenden der Oberlausitz geht etwa der rund 40 Kilometer lange Zittauer Jakobsweg, der direkt vom Herzen der Stadt Görlitz nach Zittau und Oybin führt, immer an der Neiße entlang. 

Mit Rucksack und Proviant durch das Land

Auf halber Strecke zwischen Görlitz und Oybin steht seit fast acht Jahrhunderten das Klosterstift St. Marienthal. Die Abtei bei Ostritz ist das älteste Frauenkloster des Zisterzienser-Ordens in Deutschland und erhielt zwischen 1685 und 1756 ihr aktuelles Gesicht im böhmischen Barockstil. Neben dem Internationalen Begegnungszentrum sind hier ein Klostermarkt, die ehemalige Brauerei und das historische Sägewerk interessant für Besucher, die sich später in der historischen Klosterschenke mit Oberlausitzer Spezialitäten stärken können.  

Mit dem Rucksack auf dem Rücken und genügend Proviant geht’s dann vom Kloster auf landschaftlich reizvollem Weg weiter bis Zittau. In Zittau sollte sich der Pilger ausreichend Zeit nehmen: Das Große und das Kleine Fastentuch im Museum Kirche Zum Heiligen Kreuz und im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster sind nicht nur wunderschön, sondern zugleich eine Einladung zur inneren Einkehr. Besonders fasziniert das Große Fastentuch aus dem Jahr 1472, das als meisterlich gestaltete „Bilderbibel“ auf mehr als 55 Quadratmeter Tuch 90 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zeigt.

Zum Bienenkorb und Fürst-Pückler-Park

Wer genug Zeit hat, kann einen Besuch des bekanntesten Gipfels im Zittauer Gebirge einplanen. Der 514 Meter hohe Oybin ist ein gewaltiges Sandsteinmassiv, das mitten in einem von Vulkanen umschlossenen Talkessel liegt. Von weitem sieht es aus wie ein Bienenkorb. Die grandiosen Ruinen der mittelalterlichen Bebauung machen den Oybin zu einer der Hauptsehenswürdigkeiten der Oberlausitz, und Deutschlands östlichstes Mittelgebirge ist zudem ein wunderbares Wandergebiet. Vom Zittauer Bahnhof aus bahnt sich die Zittauer Schmalspurbahn einen schönen Weg bis nach Oybin – romantischer und auch bequemer geht’s kaum.

Ein weiterer lohnender Ausflug von Görlitz führt rund 65 Kilometer nach Norden. Dort fließt die Neiße durch eines der berühmtesten Landschaftsensembles auf dem Kontinent – den Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau. Sein Schöpfer, der Standesherr, Landschaftsarchitekt und Reiseschriftsteller Hermann Fürst von Pückler-Muskau, schuf hier ab 1815 ein Gartenreich beachtlichen Ausmaßes, nachfolgende Besitzer erweiterten es. Heute kann sich der Pückler-Park als von der UNESCO geschütztes Kulturerbe mit dem Garten von Versailles auf eine Stufe stellen. 

Eine Doppelbrücke über die Neiße verbindet beide Hälften der 830 Hektar großen Anlage auf deutschem und auf polnischem Boden. Am linken Ufer befinden sich das Schloss mit Marstall, historischem Tropenhaus sowie die in maurischem Stil erbaute Orangerie, auf der rechten unter anderem das Arboretum und die Braunsdorfer Felder. Damit nicht genug, von hier aus führen Wege weiter in die Kulturlandschaft der Lausitz, die mit vielen anderen Sehenswürdigkeiten noch mehr Abwechslung bietet, vielleicht für einen nächsten und übernächsten Besuch. 

Titelbild: Die Europastadt Görlitz/Zgorzelec ist die östlichste Stadt Deutschlands und beeindruckt als eines der größten Flächendenkmale der Architektur © Nikolai Schmidt