Wer den Namen Prora hört, denkt sicher zunächst an den riesigen Gebäudekomplex, der vorm Zweiten Weltkrieg an den Strand gesetzt wurde. Den Betonklotz hat man mittlerweile zu Ferienanlagen und Museen umfunktioniert – und das umliegende, einst vom Militär genutzte Gelände hat sich die Natur Stück für Stück zurückgeholt.

Die Sonne blinzelt durch das dichte Blätterdach von Buchen- und Eichenwäldern, es duftet nach frischem Grün. An ihrer Südseite glitzert ein stiller See, von Schilf und Röhricht umgeben. Weiter hinten beginnt eine weite Buschlandschaft. Dort tut sich eine Herde mächtiger Wasserbüffel an der Vegetation gütlich, als tonnenschwere Landschaftsgärtner zermalmen sie genüsslich störende Büsche und Bäumchen und sorgen so dafür, dass die Heidefläche nicht verwaldet. Insekten summen, eine märchenhafte Ruhe liegt über der Landschaft, die Zeit scheint stillzustehen – dabei war hier einmal vieles ganz anders.

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Der „Koloss von Prora“ hatte ursprünglich 10.000 Zimmer

Wir sind in Prora an der Ostküste der Insel Rügen, und mit diesen fünf Buchstaben verbindet man eigentlich alles andere als ein grünes Idyll. In die Wäldchen am schmalen, endlos langen Traumstrand hatten die Nazis zwischen 1936 und ’39 den „Koloss von Prora“ geklotzt, acht riesige, baugleiche Betonblöcke von insgesamt 4,5 Kilometern Länge mit jeweils sechs Stockwerken, deren 10.000 Zimmer als Ferienunterkunft dienen sollten. 

Wegen des Krieges wurde der Mega-Komplex nicht fertiggestellt, später wurde er von der Sowjetarmee und NVA militärisch genutzt – und er verfiel. Heute ist die verbliebene Bausubstanz saniert und zu Luxusapartments, Hotel und Museum umfunktioniert, eine beeindruckende Anlage. Den umliegenden ehemaligen Truppenübungsplatz aber hat sich die Natur zurückgeholt.

Viele seltene Vögel nisten rund um den Schmachter See

Was einst Trainingsgelände für Soldaten mit Schützengräben und Panzerstraßen war, wurde dank Fürsorge der DBU Naturerbe GmbH (eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt) zur grünen Oase. Das Naturschutzgebiet beginnt quasi direkt hinter dem schönen Zentrum des berühmten Badeorts Binz. Dort glitzert der etwa 135 Hektar große, schilfumrandete Schmachter See in der Sonne, an dem viele seltene Vögel nisten und auf Nahrungssuche gehen und wo Menschen auf bequemen Bänken verweilen. Ein Steg führt weit in das grünlich schimmernde Wasser hinein.

Direkt daran schließt sich dann das große Wald- und Buschlandgebiet an, mit uralten Buchen, in deren Blättern der Ostseewind zauselt und die zum Waldbaden einladen.

Am besten überblicken lässt sich das grüne Blätterdach vom Baumwipfelpfad des Naturerbe Zentrums Rügen, der weiter nordwestlich liegt – sein hoher hölzerner Aussichtsturm in Form eines Adlerhorstes erlaubt eine grandiose Aussicht bis weit hinaus auf die Ostsee.

Einst waren Feuersteine eine wichtige Handelsware

Und Prora hat den Gästen noch mehr Naturwunder zu bieten. Locals und Insider wie die Archäologin Dr. Katrin Staude führen gerne dorthin. Mit ihrem Unternehmen „Archäo Tour Rügen“ bietet Dr. Staude, eine Ur-Ur-Enkelin des großen Frühromantik-Künstlers Caspar David Friedrich, Touren und Workshops an wie „Steinzeit erleben“. Anschauungsunterricht gibt es etwa in den magischen Feuersteinfeldern zwischen Prora und Mukran im Nordteil der Nehrung Schmale Heide. Millionen unterschiedlich großer, allesamt glattgeschliffener Steine liegen dort unter der Sonne von Rügen, wurden in der Bronzezeit von Sturmfluten hierher geschleudert – eine einzigartige, bizarre Region. 

Dr. Staude zeigt ihren Gästen, wie man mit den Steinen Feuer entzündet, und wer mag, lernt, Pfeilspitzen zu machen. Weil Feuersteine auch zu Herstellung von Äxten und Messern dienten, galten sie einst als wichtige Handelsware. Das ist vielleicht auch ein Grund, warum es hier mehr als 50 steinzeitliche Grabstätten aus der Jungsteinzeit (etwa um 3500 v. Chr.) gibt. Solche Hünengräber wie die Anlage „Toter Mann“ auf der Naturerbefläche Prora können auch besichtigt werden. 

Wie Hünengräber zu ihrem Namen kamen? Weil sie aus schweren Findlingen bestehen und die Menschen einst glaubten, nur Riesen könnten die mächtigen Steine bewegen, vermutet Dr. Staude. Klar ist, dass sich die Natur die einst malträtierte Landschaft von Prora in den letzten Jahrzehnten zurückgeholt hat – zum Wohl der Menschen von heute.

Titelbild: Grün, so weit das Auge reicht – und mitten drin steht der Aussichtsturm des Baumwipfelpfads © TMV/Gänsicke