Juliana und Jens zum Beispiel: Die beiden begeisterten Kletterer kommen von hier – die Hessigheimer Felsengärten sind ihr Lieblingsrevier. Eigentlich ist die Region für ihre erstklassigen Weine bekannt. Aber die sonnigen Felsen über dem Neckar laden auch zu Spaziergängen und zu Kletterpartien ein.

Vor allem jetzt, am Mittag, sind die Bäume in der Schlucht wichtige Schattenspender. Juliana und Jens packen das Klettermaterial aus, wechseln die Schuhe, besprechen, welche Route sie als Erstes probieren werden. Wochenende in den Hessigheimer Felsengärten zwischen Stuttgart und Heilbronn – es ist ein sonniger Samstag im Frühsommer, angenehm warm, aber noch nicht wirklich heiß. Zwischen dem Neckar, an dessen Ostufer die Weinberge bis an den Sockel der Felsen heraufwachsen, und dem Wanderweg ganz oben, breitet sich diese kleine Schlucht aus. Sie ist das Terrain der Kletterer, die in dem Naturschutzgebiet auf etwa 130 Kletterrouten vom 3. bis 9. Grad ihr Können perfektionieren. Bis zu 18 Meter geht’s ziemlich senkrecht nach oben. Es gibt Routen für Anfänger, für Könner, für Boulderer und Bergsteiger.

Kletterpartie zwischen schmalen Felstürmen

Juliana startet heute, Jens wird sie sichern. Die junge Frau hat sich die Hände mit Magnesia eingerieben und steigt auf einen schmalen Felssockel – mit der Route „Rosenstöckle” geht es los, die Kletterpartie führt zwischen zwei schmalen Felstürmen zum Plateau, auf dem Wildrosen wachsen. „Wir kommen hier gern zum Feierabend oder am Wochenende her“, erzählt Jens. Für den Weinbauern, der in der Felsengartenkellerei arbeitet und im Nebenerwerb auch selbst Wein anbaut, ist die Kletterei ein toller Ausgleichssport. „Ich bin gern draußen an der frischen Luft“, erzählt er, „und beim Klettern denke ich wirklich über nichts nach – außer darüber, wo meine Hände den nächsten Halt finden können.“

Qualitätsweine aus der Felsengartenkellerei

Etwa 1.400 kleine Winzer rund um Hessigheim gehören zur Felsengartenkellerei Besigheim. Sie bewirtschaften 700 Weinberge am Neckar und der benachbarten Enz und ernten jedes Jahr acht bis zehn Millionen Kilogramm Trauben. Aus den vorwiegend typischen württembergischen Sorten wie Trollinger, Lemberg, Müller-Thurgau und Riesling entstehen qualitätsvolle Weine, die man direkt in der Felsengartenkellerei verkosten und kaufen kann.

Refugium für Pflanzen und Tiere

Schon seit den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird in den Hessigheimer Felsengärten geklettert, sei 1942 sind sie Naturschutzgebiet. Seit damals ist es auch verboten, auf der Außenseite der Felsen direkt über dem Neckar zu klettern. Damit sind einige der aussichtsreichsten Routen tabu – aber es bleiben noch mehr als genug tolle Möglichkeiten hier oben. Einfach ist das Revier hier übrigens nicht – die Felsen sind in den vielen Jahrzehnten teilweise ganz schön glatt geworden. Aber das macht die Sache natürlich auch reizvoll – und die einzigartige Umgebung, die Aussichten auf den Neckar tun ihr Übriges.

Die sonnigen, zerklüfteten Felsnadeln gehörten einst zu einem Ozean. Der Muschelkalk entstand in der Trias-Zeit vor etwa 240 Millionen Jahren. Heute sind sie Lebensraum nicht nur für seltene Flechten, Gräser und Blütenpflanzen mit so seltsamen Namen wie Wimper-Perlgras oder Scharfer Mauerpfeffer. Es brüten auch viele seltene Vögel in den Felsen. Und die Mauereidechse fühlt sich hoch über dem Fluss auch wohl.

Ein Freizeitparadies

Unten am Ufer des Neckars sausen Radler auf dem Neckartal-Radweg entlang, hier oben sind mittlerweile viele Sportler eingetroffen – es ist eine bunt gemischte, eingeschworene Klettergemeinschaft. Ab und zu schaut einer über die Felskante, um gleich wieder abzusteigen. Die Spaziergänger und Sonnenanbeter genießen das Spektakel und die weite Sicht über den Neckar bis hinüber zum Weinstädtchen Besigheim. Schön hier oben, auf diesem sonnigen Aussichtsbalkon. „Ab und zu“, erzählt Juliana, „kommen wir auch erst am Spätnachmittag und bringen uns ein kleines Abendessen mit – das gibt es dann ganz zum Schluss oben auf einem der Felsen. Ich kann mir keinen besseren Tagesausklang vorstellen.“

Titelbild: Gregor Lengler