Dürfen wir vorstellen?

Die dicken Stämme der uralten Buchen sind wie die tragenden Säulen in einer großen Kathedrale. Das Blätterdach fächert die Sonnenstrahlen zu leuchtenden Diagonalen auf. Angenehm schattig ist es im Nationalpark Hainich. Dieser einzigartige deutsche Urwald gehört zum UNESCO-Welterbe – wie auch die Wartburg in Eisenach, die nur einen Katzensprung entfernt steht. So ist das ganz oft hier, in der geografischen Mitte Deutschlands: Kultur- und Naturschätze liegen in Thüringen dicht beieinander. Oder zitieren wir einfach Johann Wolfgang von Goethe. Der Dichter und gebürtige Frankfurter verbrachte einen Großteil seines Lebens in Weimar und schrieb über Thüringen: „Wo noch in deutschen Landen findet man so viel Gutes auf so engem Fleck?“ 

Das gilt bis heute. Die Thüringer lieben ihre Natur – ebenso wie ihre verträumten, kultursinnigen Städte, in denen man so gemütlich schlendern kann. Willkommen also in einem Land der kurzen Wege! Man könnte tolle, geografisch naheliegende Natur-Kultur-Paare bilden, fast so wie in einem Memory-Spiel. Neben Wartburg und Hainich wären da zum Beispiel: das wundervolle Panorama Museum in Bad Frankenhausen und das Kyffhäusergebirge, die Bauhaus-Stätten in Weimar und der zauberhafte Ilmtalradweg, der am Fluss entlang durch die Stadt führt. Die Altstadt von Mühlhausen und das Eichsfeld, Ilmenau und der Thüringer Wald oder Jena und das Saaletal mit den Dornburger Schlössern. Und auch das Dazwischen ist fast immer schön: Da liegen kleine, intakte Dörfer, wogen üppige Felder und Wiesen, da erwarten Reisende weite Blicke mit Burgen und Schlössern als Ankerpunkte. 

Weil Thüringen gar nicht so groß ist, kann man hier in kurzer Zeit besonders viel erleben: kann morgens staunend durch die kleinen Gassen Weimars schlendern und am Nachmittag ein Stück Lutherweg wandern. Kann nachmittags noch in Jena sein und am Abend in der Erfurter Altstadt, die zu den schönsten Deutschlands gehört, essen gehen. Oder auch so: mittags eine Bratwurst vom Holzkohlegrill auf die Hand kaufen, abends fein speisen.

Wen oder was trifft man sonst noch so, wenn man landauf, landab unterwegs ist? Thüringen ist die Heimat großer Künstler, Visionäre und Denker – manche wurden hier geboren wie Johann Sebastian Bach, andere verbrachten einen Teil ihres Lebens in Thüringen: Martin Luther, Lucas Cranach, das große Dichterduo Schiller und Goethe, Franz Liszt, Henry van de Velde, Lyonel Feininger, Walter Gropius und Friedrich Nietzsche, um nur einige zu nennen. Viele authentische Orte laden im ganzen Land zur Spurensuche ein, es gibt Konzerte in originalen Bachkirchen, das Bauhaus-Museum und die Wohnhäuser von Schiller und Goethe in Weimar oder Meisterwerke aus der Cranach-Werkstatt in Gotha. Und neben all dieser eher klassischen Kultur kann man überall im Land kleine, lässige, klug ausgedachte Kultur- und Kneipenprojekte entdecken – am schönsten während der Sommermonate. Einfach mal treiben lassen, ist ja alles nah beieinander.

Kurz und knackig

Mit einer Fläche von rund 16.200 Quadratkilometern zählt Thüringen zu den kleinen Bundesländern. 2,1 Millionen Menschen – nur 2,6 Prozent der deutschen Bevölkerung – leben im Freistaat. Das touristische Potenzial ist dafür aber riesengroß: 214 Museen gibt es offiziell, mehr als 400 mittelalterliche Burgen, Burgruinen und Schlösser (der Kleinstaaterei sei Dank!), 18 UNESCO-Welterbestätten, von denen die meisten in Weimar liegen, 18 Heilbäder und Kurorte, rund 7.500 Kilometer Wanderwege und mehr als 1.500 Kilometer Radfernwege. Die wichtigste Wanderregion ist natürlich der Thüringer Wald mit dem berühmten Fernwanderweg Rennsteig (169,3 Kilometer). Radeln kann man zum Beispiel entlang von Ilm, Werra, Saale und Unstrut. Noch ein paar interessante Zahlen rund um Thüringen? Mit 7.917 Metern Länge ist der Rennsteigtunnel der längste Straßentunnel Deutschlands. Der höchste Berg in Thüringen ist der Schneekopf mit 978 Metern – oben kann man in der Neuen Gehlberger Hütte gut essen und auch übernachten. Die berühmte Krämerbrücke, die längste, durchgehend mit Häusern bebaute Brücke Europas, misst 120 Meter – wer sie still erleben möchte, der kommt abends nicht vor 19 Uhr. Und nur 11 Wochen brauchte Martin Luther 1521/22, um das Neue Testament ins Deutsche zu übertragen. Er übersetzte nicht nur, er „erfand“ dabei auch die deutsche Schriftsprache und schenkte ihr viele ausdrucksstarke Wörter. Die Wartburg, der Ort dieses aufregenden, doch auch recht einsamen Geschehens vor fast 500 Jahren, liegt ziemlich exakt in der geografischen Mitte Deutschlands. Und selbst die etwa 350.000 Besucher, die die berühmte Burgikone normalerweise jährlich hat, können ihr nichts von ihrer besonderen Aura nehmen.

Herr Ober!

Und auch das ist eine beeindruckende Zahl: Jedes Jahr werden in Thüringen etwa 400 Millionen Bratwürste produziert. Die Thüringer Rostbratwurst ist die bekannteste Spezialität des Bundeslandes, aber dass es nur eine originale Thüringer Rostbratwurst gibt, das ist natürlich Quatsch. In jeder Region wird sie anders hergestellt – mit Majoran, mit Kümmel, ja sogar mit Chili. Und dann gibt es natürlich noch die Thüringer Klöße, für die vermutlich etwa so viele Rezepte existieren wie Familientraditionen. Nur so viel: Im Allgemeinen wird ein Teil der Kartoffeln dafür roh verarbeitet. Gut schmecken Thüringer Klöße zu deftigen Fleischgerichten, also etwa zu Rouladen. Dass die Thüringer andauernd Klöße essen, ist aber ebenfalls ein Gerücht, denn dafür sind sie viel zu aufwendig in der Zubereitung. Man freut sich auf Klöße, wenn man bei der Oma eingeladen ist oder wenn man essen geht. Wobei wir schon beim Thema wären: Die traditionelle Küche ist auch in der Mitte Deutschlands einfach, gut und deftig – aber natürlich interpretieren viele junge Spitzenköche eben diese Tradition auch hier neu, anders, leichter. Empfohlen seien hier stellvertretend nur zwei: Daniel Reichel vom Landgrafen in Jena beispielsweise oder Björn Leist in der Rhöner Botschaft. Wichtige weitere Genussstationen im Land: Goldhelm-Schokolade in Erfurt, Senfspezialitäten aus Kleinhettstedt, das nördlichste Weinbaugebiet Deutschlands rund um Bad Sulza, Pflaumenmus aus Mühlhausen und leckeres Köstritzer Schwarzbier.

Thüringisch für Anfänger

Also zunächst einmal: Thüringisch ist nicht Sächsisch, auch wenn das für Außenstehende manchmal ziemlich ähnlich klingen mag. Die Thüringer meinen zu diesem Thema Folgendes: „Ne richtsche Frechheit, alle über een Kamm zu zerren.“ Und: Den Thüringer Dialekt gibt es ohnehin eigentlich nicht. Das Land ist auch sprachlich extrem vielfältig, Wissenschaftler aus Jena sprechen von neun Sprachräumen. Das „reinste“ Thüringisch wird aber wohl im Raum Erfurt-Ilmenau-Gotha gesprochen. Und hier ist eine kleine Kostprobe zum Üben und Auswendiglernen:

no (mit tiefem, kurzem O) – ja
no freilich – ja natürlich
ein annerschter – ein anderer
nüscht – nichts
geigeln – Unfug machen
heem – nach Hause
Das fetzt ja rischtsch. – Das ist ja klasse.
Atöpfel – Kartoffeln
Galba Rohm – Möhren
Bagasche – Gruppe/Truppe/Einheit
demmeln – Fahrrad fahren

Titelbild: Die Wartburg oberhalb von Eisenach gehört seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe © Regionalverbund Thüringer Wald e. V./Dominik Ketz