Das älteste profane Bauwerk Erfurts ist nicht nur als Bauensemble einzigartig. Auch das Lebensgefühl der Menschen, die auf der Krämerbrücke wohnen und arbeiten, ist anders als anderswo. Beschreibung eines liebenswerten Mikrokosmos.

Man kann bis ins Herz der Krämerbrücke blicken. Dort, in den Tiefen der Brückenpfeiler, liegen die Keller der Händler. Also die ausgetretenen Steinstufen hinabsteigen, den Kopf beim Eintreten einziehen – und das Wasser der Gera sehen. Denn durch ein Fenster im Gestein schaut man hinab auf das Flüsschen, das munter über die Steine unter der Brücke springt. Hier unten war früher auch der Kram gelagert, den die Händler an der Via Regia, der Handelsstraße von Ost nach West, den Reisenden verkauften. Kram, das waren damals kleine, wertvolle Dinge wie Gewürze, Edelmetall und Farben. Noch immer nutzen die Krämer die Brückenkeller als Lagerraum.

Auf der Krämerbrücke wohnen

Dieser Keller ist leer, er gehört zum „Haus der  Stiftungen“, Krämerbrücke 31. Hier kann man nicht nur ein Modell der Brücke betrachten, sondern sich auch ungestört umsehen, um eine Vorstellung vom Leben über dem Wasser zu gewinnen. Man muss zum Beispiel wissen, auf was man sich einlässt, wenn man hier wohnen möchte. Denn im Sommer bummeln bis zu 5.000 Touristen täglich über die Krämerbrücke – die längste durchgehend mit Häusern bebaute Brücke Europas. Tagsüber gehört sie der großen, weiten Welt. Und wenn man die Haustüre nur kurz offenstehen lässt, werden ein paar Menschen hereingespült, die sehen möchten, wie so ein uriges Fachwerkhäuschen wohl von innen ausschaut.

Bunte Souvenirs

„Während meiner Buchhändler-Lehre“, erzählt Beate Kister, „bin ich oft nach der Arbeit über die Krämerbrücke geschlendert und habe mir vorgestellt, wie glücklich ich sein müsste, wenn ich hier wohnen könnte.“ Heute ist die Frau mit dem knallroten Tuch im Haar Malerin – und Mieterin im Haus mit der Anschrift Krämerbrücke 25. Ihre Augen leuchten: Der Traum wurde mit viel Leben gefüllt, als er 1996 in Erfüllung ging. Beate Kister malt nun mit Aquarellstiften Bilder mit Tieren und Fabelwesen, die herzerfrischend bunt aussehen und ihren Laden schmücken. Der ist eigentlich nur ein Fenster mit einer Klingel, aus dem heraus sie wie aus einem Kiosk lugt, ihre Bilder und auch ihr Leben erklärt.

Nur besondere Geschäfte

32 Fachwerkhäuser stehen auf der Krämerbrücke, und fast alle gehören der Landeshauptstadt. Einfach so mieten kann man hier nichts. Man muss einen Antrag stellen. Bevorzugt werden ungewöhnliche Geschäftsideen, Kunsthandwerker, Kreative. Und so gibt es mitten in Erfurt, was anderswo nicht gelungen ist: ein Kleinod ohne Modeläden-Filialen und Souvenirbuden. Jeder Laden ist eine kleine Welt für sich: Linkshänder-Geschäft, Schmuckdesign, Galerie, Keramik, Antiquitäten, Buchladen, Feinkost, Schokoladen-Manufaktur, Thüringer Spezialitäten – die Krämerbrücke ist ein Ort, an dem die Händler nicht aufs schnelle Geld aus sind, sondern an einem geglückten Lebensentwurf basteln. Dieses Flair überträgt sich auch auf die Besucher. Sie scheinen beim Betreten der Brücke den Schritt zu verlangsamen und trotzdem Zeit zu gewinnen – zum Schauen, Stöbern, Staunen. 

Hier tanzen alle Puppen

Da gibt es den Puppenbauer Martin Gobsch, dem man in seiner Werkstatt über die Schulter blicken kann. Der Mann fertigt Marionetten für kleine und große Thüringer Theater. Und da gibt es Bettina Vick, die im Haus Nr. 19 Thüringer Spezialitäten verkauft. Biegt man am Ende der Krämerbrücke in die Kreuzgasse ein, umschmeichelt Brötchenduft die Nase. Dort hat eine historische Backstube eröffnet, in der die Bäcker nicht um 5 Uhr anfangen, dafür aber alle Brote und Brötchen mit natürlichen Zutaten im Steinbackofen backen – was die Kundschaft freut. Und so akzeptiert sie auch, dass es die ersten Brötchen erst so gegen 9:30 Uhr gibt.

Die Mikwe wurde vor Kurzem wiederentdeckt

Man fühlt sich hier manchmal wie auf Zeitreise. Dorthin, wo die Krämerbrücke ihren Anfang nahm – als Holzbrücke mit Buden. Wegen der Handwerksbetriebe und der Öllämpchen fackelte die Konstruktion immer wieder ab. Ab 1472 baute man auf der mittlerweile aus Stein errichteten Brücke schließlich die Häuser, die heute hier stehen. Unten am Fluss, nahe der Kreuzgasse, stand einst auch die Mikwe, das jüdische Tauchbad aus dem 13. Jahrhundert, das erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt und ausgegraben wurde. Man kann das Kleinod heute wieder besichtigen. 

Geschichten rund um die Krämerbrücke

Die Krämerbrücke und die Gassen drumherum stecken voller Geschichten. Wenn etwa Alex Kühn, der Erfinder der Goldhelm-Schokolade, erzählt, wie er auf der Krämerbrücke seine erste Schokolade auf Marmorstein gegossen hat, weil für Formen das Geld fehlte, und wie er im Hinterstübchen vor dem Fernseher hockte, weil selten Kundschaft kam – dann kann man sich das einfach nicht mehr vorstellen. Der Mann führt ein mittelständisches Unternehmen mit vielen Mitarbeitern, macht neben Schokolade auch unglaublich leckeres Eis, Kuchen, Likör und inszeniert kulinarische Events. Verrückt, kreativ und jung im Kopf ist der Mann geblieben. Nur eins ist anders: Er wohnt nicht mehr auf der Krämerbrücke. „Das Konzept, dass hier nur besondere Läden herkommen, ist großartig“, sagt er, „aber mir wurde das irgendwann zu eng.“

Abendstille

Etwa 50 Menschen wohnen auf der Krämerbrücke und jeder kennt jeden, Kühn hat dort sogar Familie. Sein Bruder macht die „Mundlandung“, einen Feinkostladen mit Bistro – wo man selbst am Abend noch einen Wein trinken kann. Denn der Tag dauert nicht so lange, hier über dem Wasser. Während hinter der Brücke an der Gera viele Leute am Ufermäuerchen hocken, wird es zwischen 18 und 19 Uhr still auf der Brücke. Die Läden schließen, die große, weite Welt zieht sich zurück. Der Mikrokosmos bleibt sich überlassen. Regeneriert. Schöpft Atem.

Reine Gefühlssache

Eine Ecke weiter bereitet sich indes Christin Ballenberger auf den Abend vor. Die Journalistin hat sich einen Kindheitstraum erfüllt: ein Bistro mit mediterraner Küche, in dem sie selbst kocht. Und so sitzt man dann, bei Piccata vom Kalb mit Estragon-Aioli, an einem der Tische und betrachtet das Weltwunder über der Gera einmal von der Rückseite. Man liest in der Speisekarte und schmeckt es: Die Frau gehört genau hierher, denn auch sie holt die große, weite Welt nach Erfurt – kulinarisch. Und ihr Credo passt ebenfalls zum Mikrokosmos Krämerbrücke. Christin Ballenberger lacht: „Wie mein Konzept ist? Ich habe keines, das hier ist alles reine Gefühlssache.“

Titelbild: Abends wird’s gemütlich auf der Krämerbrücke © Gregor Lengler/Thüringer Tourismus GmbH