Sachsen-Anhalt

Im Harz der größte Brocken

Als das höchste Gebirge Norddeutschlands nimmt der Harz eine in jedem Sinne exponierte Lage ein. Heute zählen weite Teile des Hochharzes zum Nationalpark Harz, der mit Wäldern und Mooren Naturfreunde erfreut. Höchster Punkt ist der legendäre Brocken, ein baumfreier Granitgipfel, der für Jahrzehnte Sperrgebiet war.

Leseprobe aus Dumont Bildatlas: Die grüne Mitte

Dieser Artikel stammt aus dem Buch Die grüne Mitte aus dem DuMont Reiseverlag. Dort findet ihr auf 220 Seiten Ideen für euren Urlaub in einer der schönsten Natur- und Kulturlandschaften Europas, mit reichhaltiger Tradition, bunter Kultur und vielfältigen Sehenswürdigkeiten. Die Redaktion stellt euch die einzelnen Regionen mit ihren Kultur-, Wander- und Ausflugszielen vor.

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Sein Name verrät das Landschaftsprägende: Das Wort Harz kommt von „Hart“, was „Wald“ bedeutet. Wie eine Insel ragt dieser vor Jahrmillionen herausgehobene Gebirgsstock aus dem Tiefland, eine allerdings von der deutsch-deutschen Teilung auch jahrzehntelang zerschnittene Insel. Wald ist das Pfund, mit dem der Harz bis heute wuchern kann, wenn sommers Wanderer, Radfahrer und Sommerfrischler auf die Höhen ziehen, im Winter abgelöst von Skifahrern und Rodlern. Den Bergstock umgeben, einer Perlenkette gleich, uralte Siedlungen. Deren größte ist Goslar, die alte Hanse- und Kaiserstadt.

Der Brocken ist Kult …

… und das nicht erst, seit ihn der Dichterfürst Goethe erklomm. Bis heute ist der höchste Berg Norddeutschlands nicht mit dem Auto erreichbar. Trotzdem strömen Tausende Jahr für Jahr hinauf. 1141,2 Meter über NHN misst der Brocken. Das klingt nicht sonderlich beeindruckend, doch weil das Granitmassiv unvermittelt aus der Norddeutschen Tiefebene aufsteigt, wirkt sein baumfreier, weithin sichtbarer Buckel so imposant. Einmal oben, genießt man bei gutem Wetter eine grandiose Aussicht. Weil kein anderer Gipfel die Sicht versperrt, reicht der Blick im optimalen Fall über 100 Kilometer ins Land. Ideale Bedingungen also auch für den Rundfunk. Zu DDR-Zeiten stand hier der leistungsstärkste Sender des Landes, der die Botschaften des Arbeiter- und Bauernstaates über Westdeutschland bis nach Skandinavien streute. Noch heute funkt der weiß-rote Mast Radio- und Fernsehprogramme. Berühmt ist der Berg auch für seine spektakulären Sonnenauf- und -untergänge. Doch auf dieses Schauspiel mussten die Brockenfreunde jahrzehntelang verzichten.

Viele Besucher vertrauen auf Schusters Rappen, um den Brockengipfel zu erreichen © picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Ralf Freyer

Ein abgeschotteter Berg

Die Teilung Deutschlands entzog den Brocken seinen Bewunderern rigoros. Auf DDR-Gebiet gelegen, war er 40 Jahre lang militärisches Sperrgebiet. Anfangs noch mit Passierschein zu betreten, verschwand der Berg am 13. August 1961 endgültig hinter dem Eisernen Vorhang. Auch DDR-Bürger durften nicht mehr hinauf. Damit endete der Brockentourismus. Auch als sich die Wiedervereinigten in Berlin längst in den Armen lagen, tat sich auf dem Berg die Grenze noch längst nicht auf. Erst als am 3. Dezember 1989 ein Zug friedlicher, aber unbeirrbarer Wanderer auf den Gipfel zog, fiel auch diese letzte Bastion des Kalten Krieges. Die Natur holt sich seither den „Todesstreifen“ zurück. Wo einst Wachsoldaten patrouillierten und auf „Republikflüchtlinge“ schossen, verläuft heute ein Grenzwanderweg, das „Grüne Band“.

Thale: Von der Rosstrappe reicht der Blick weit ins Bodeland © picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Ralf Freyer

Immer gipfelwärts

Zahlreiche Wege führen hinauf zum Brocken. Als schönster gilt der Heinrich-Heine-Weg ab Ilsenburg durchs romantische Ilsetal. Breitester ist der Neue Goetheweg, der in Torfhaus beginnt. Der bequemste Weg hingegen startet in Schierke am Bahnhof. Von dort aus dampft die Brockenbahn seit 1899 dem Gipfel zu. Ihr Pfiff klingt kilometerweit durch den Harz, und die Rauchfahne kündet allenthalben den momentanen Standort an. Aus den Waggons schauen die Ausflügler aufs Fichtengrün, draußen säumen Schaulustige die Trasse, zücken ihr Smart Phone und fotografieren bzw. filmen die nostalgische Lok.

Manch einer kann es kaum erwarten: mit der Brockenbahn hinauf auf den legendären Gipfel © picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Ralf Freyer

Die schöne Ilse

An Sagen, Märchen und Legenden herrscht im Harz kein Mangel. Berge, Grotten, Felszinnen, versteckte Wasserfälle und undurchdringliche Wälder bilden den besten Nährboden für ihr Entstehen. Wo Bergmänner tief ins Gebein der Erde vordringen und Köhler wochenlang allein im Wald hausen, haben Zwerge und Weiße Frauen, verzauberte Hirsche, Wassergeister, Räuber und verwunschene Seelen leichtes Spiel. Auch um markante Naturschönheiten entspannen sich Erzählungen. Auf dem Ilsestein beispielsweise erhob sich einst eine mächtige Burg, Wohnsitz eines Riesen mit einer schönen Tochter. Diese hatte ihr Herz sehr zum väterlichen Missfallen an den Ritter verloren, der nahebei auf dem Westerberg lebte. Um die Liebenden zu trennen, schlug der Riese die Felsen entzwei, wodurch das Ilsetal entstand. Ilse, außer sich vor Schmerz, stürzte sich in die Fluten. Ihre ruhelose Seele zeigt sich manchmal am Ufer in Gestalt einer Weißen Frau, und wenn ihr ein Bursche gefällt, nimmt sie ihn mit in ihr Kristallschloss im Berg. „In meinen weißen Armen, an meiner weißen Brust, da sollst du liegen und träumen“, legte Heinrich Heine ihr in den Mund. Schwärmend verklärt er den Fluss in seiner „Harzreise“. Natürlich erkletterte Heine auch den Ilsestein.

Einst erhob sich auf dem Ilsestein eine Ritterburg. Heute ist der Granitfelsen ein Wanderziel von Ilsenburg aus © picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Ralf Freyer

Leseprobe aus dem DuMont Bildatlas „Deutschland – Die grüne Mitte“

Titelbild: Vor dem Brockenhaus ist das Erinnerungsfotomotiv „Brockenuhr“ zu finden, 48 bronzene Wegweiser ringförmig um sechs Granitblöcke © picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Ralf Freyer

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