Hätten Sie es gewusst? Brasilien liegt an der Ostsee, Amerika und Rußland in Ostfriesland und die Südsee mitten in NRW. Jetzt, wo die echte Welt gerade so weit weg ist, hat sich Reiseautor Christoph Karrasch auf eine Weltreise durch Deutschland begeben und Orte mit verheißungsvollen Namen wie Kalifornien, Rom und Bethlehem besucht. Auch beim höchsten Kaltwassergeysir der Welt hat er vorbei geschaut – wer hätte gedacht, dass der nicht auf Island sondern in der Eifel sprudelt?

Leseprobe San Francisco liegt am Rhein von Christoph Karrasch

Christoph Karrasch, Jahrgang 1984, ist Reisejournalist und Fernsehreporter. 2015 erschien sein erstes Buch »#10Tage«, der dazugehörige Film wurde mit dem Columbus-Filmpreis ausgezeichnet. Heute steht Karrasch regelmäßig für das ProSieben-Magazin »Galileo« vor der Kamera und ist TV-Reiseexperte. Sein neues Buch San Francisco liegt am Rhein (12,00 €, ISBN: 9783548065038) ist im Ullstein Taschenbuch Verlag erschienen.

Mein heutiges Ziel ist Andernach in Rheinland-Pfalz. Die Stadt am Rhein mit 30.000 Einwohnern liegt fast auf halber Strecke zwischen Bonn und Koblenz und ist eine der ältesten in Deutschland. In den letzten 2.000 Jahren waren sie alle hier gewesen: die Römer, die Germanen, die Franken. Neben dem mittelalterlichen Stadtkern, den Toren und Türmen der alten Stadtmauer und einigen prächtigen Gebäuden wartet in Andernach aber vor allem ein spektakuläres Erlebnis auf mich, das man normalerweise eher mit Island in Verbindung bringen würde.

Während in den ersten Stunden der Regen unentwegt an die Busscheiben getrommelt hatte, wurde das Wetter auf dem Weg nach Island Stück für Stück besser. Eine neue Erfahrung für mich, denn auf der rauen Insel im Nordatlantik habe ich bisher nur Schietwetter erlebt. Im Sommer 2013 war ich dort zwei Wochen im Urlaub, und es hat zwei Wochen lang durchgeregnet. Die riesige Hallgrímskirche in Reykjavík war grau, der rauschende Wasserfall Gullfoss grau, der berühmte Geysir Strokkur grau, überhaupt der gesamte Golden Circle, die Haupttouristenroute im Südwesten der Insel: alles grau in grau. Außer dem milchigblauen Wasser der Blauen Lagune und einem rotgelb angestrichenen Gatter, hinter dem auf einer Weide im Nirgendwo ein paar völlig durchnässte Islandponys standen, habe ich Island als komplett farbloses Land abgespeichert. Und noch etwas war an der Reise irre unangenehm: der Geruch. Überall roch es nach faulen Eiern, weil Island eine aktive Vulkaninsel ist und aus allen Erdritzen der üble Gestank von Schwefel austritt. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass mir zwei Wochen lang schlecht war. Meine Nase und mein Magen konnten den Geruch einfach nicht vertragen. Dabei bin ich mir sicher, dass ich Island bei schönem Wetter und mit Wäscheklammer auf der Nase lieben würde. Nur bekam ich bisher leider keine zweite Chance.

Am nächsten Morgen ist es so weit, denn Island liegt eben auch in Andernach, am nordöstlichen Zipfel der Eifel. Ähnlichkeiten sind geohistorischer Art durchaus gegeben, auch die Eifel ist vulkanischen Ursprungs. Island ist durch eruptive Aktivität überhaupt erst aus dem Meer gekrochen, die Eifel wurde so zu dem Mittelgebirge, das sie heute ist.

Als einer der ersten Gäste betrete ich das blauweiße Schiff, das mich nach Island fahren wird. Allerdings nicht über den rauen Atlantik, sondern über den sehr gemächlichen Rhein. Und das Beste: Nachdem ich in den letzten Tagen schon die volle Wucht des aufziehenden Herbstes mit trübem, nassem, grauem Wetter zu spüren bekommen habe, zeigt sich heute ein richtig goldener Oktober. Ein strahlend blauer Himmel, schon morgens über 20 Grad und die Sonne knallt ganz herrlich. Eigentlich bräuchte ich Sonnencreme, aber wer denkt schon daran, Sonnencreme einzupacken, wenn das Reiseziel Island heißt.

Unser Schiff heißt Namedy. An Bord sind hauptsächlich Familien mit Kindern, inzwischen haben in Teilen Deutschlands die Herbstferien begonnen. Als wir ablegen, fährt die Namedy die ersten Meter rheinaufwärts in die falsche Richtung, weil sie erst noch zwei von diesen flachen Rheinschiffen mit Gütern für Rotterdam durchlassen muss. Dann setzt das Schiff zur Kehrtwende an, was bei einem fast 50 Meter langen Kahn, der sich kurzerhand quer über den Rhein stellt, durchaus beeindruckend aussieht. »Einen schönen guten Morgen«, tönt eine männliche Stimme aus den Lautsprechern an Deck. Es ist der Guide, der uns in den nächsten zwei Stunden an unser Ziel begleiten wird: den größten Kaltwassergeysir der Welt.

»Geysir ist das isländische Wort für ›ausbrechen‹, ›ausströmen‹ oder ›in Bewegung setzen‹«, erklärt er mir und den anderen etwa 75 Gästen an Bord. »Man kennt diese aus der Erde sprudelnden Fontänen natürlich von Island, aber auch aus dem Yellowstone-Nationalpark in den USA und aus Neuseeland.« Der feine Unterschied: Das sind alles Heißwassergeysire, deren Wasser bei Temperaturen um den Siedepunkt in die Höhe schießt. Der Geysir von Andernach ist mit etwa 25 Grad deutlich kälter – und vielleicht auch nicht ganz so natürlich entstanden wie die anderen. Dazu später mehr.

»Etwa alle zwei Stunden bricht der Geysir aus«, erklärt uns der Mann aus den Lautsprechern. »Im Normalfall baut sich die Fontäne langsam auf, bleibt dann ein paar Minuten auf etwa 55 Metern Höhe und zieht sich schließlich langsam wieder zurück. Das wird heute Morgen anders sein, es wird spektakulär!« Und er fügt noch hinzu: »Machen Sie sich darauf gefasst, nass zu werden.« Ein Raunen geht übers Schiff.

Nach 15 Minuten Fahrt dreht die Namedy erneut und legt an einem eisernen Steg an. Auf ihm laufen wir über einen kleinen Naturstrand am Rheinufer und gelangen dann auf die wild überwucherte Halbinsel Namedyer Werth, die – anders als der Japanische Garten in Düsseldorf – schon lange kein örtliches Gartenamt mehr gesehen hat. Richtig schön urig, könnte man meinen, wenn nicht ausgerechnet die Bundesstraße 9 auf einer massiven Betonbrücke über dieses Naturschutzgebiet führen würde, über deren vier Spuren im Sekundentakt Autos und LKW brettern. Das Gefühl eines echten Naturerlebnisses will sich da bei mir bis jetzt nicht einstellen.

Hinter einer kleinen Kapelle gelangen wir zu einer großen Freifläche, deren Zentrum ein vielleicht zwei Meter hoher Stapel aus rotbraunen Steinen bildet. Die Gruppe verteilt sich mit einem Abstand von etwa 30 Metern um die rostigen Brocken, aus denen vermutlich gleich die Fontäne kommen wird. Weil uns keiner erklärt, was genau passieren wird, stehen wir alle gespannt da und warten ab. Kaum jemand wendet den Blick ab, niemand will den Moment verpassen.

Urplötzlich zischt es so laut aus dem Steinstapel, dass wir alle gleichzeitig zusammenzucken. Nicht wenige halten sich die Ohren zu.

Der Geysir prustet los.

Erst entladen sich Unmengen an Gas unter dem ohrenbetäubenden Zischen, dann schießt die Wasserfontäne in die Luft. In Nullkommanix fährt sie hoch auf 50 Meter und zeigt uns ihr steifes Tänzchen. Uns wurde nicht zu viel versprochen: Das ist ein wirklich spektakulärer Auftritt, die Fotoapparate und Videokameras der Gruppe laufen heiß. Eine Mitarbeiterin öffnet ein Vorhängeseil und gibt so den Weg zur Quelle des Geysirs frei, damit jeder für ein Selfie so nah wie möglich herangehen kann. Doch als sich die ersten Besucher in Bewegung setzen, geht ein entsetztes Kreischen durch die Gruppe. Der Wind hat sich im Geysir verfangen, ihn in eine gewaltige Schräglage gebracht, und nun spritzt die Gischt einmal über alle Schaulustigen. Auch ich kriege eine gehörige Portion ab, die auf mir und meiner Kamera landet.

»Bitte seien Sie vorsichtig«, meldet sich unser Führer zu Wort. »Das ist extrem mineralhaltiges Wasser. Wischen Sie Ihre Objektive nicht einfach mit dem T-Shirt ab, das könnte Kratzer geben.« Guter Hinweis. Ich entscheide mich dafür, das Gerät erstmal wegzustecken.

»Was ist denn nun eigentlich das Besondere an diesem Ausbruch?«, will ich von unserem Guide wissen.

»Es ist der erste Ausbruch des Tages«, erklärt er. »Theoretisch würde der Geysir rund um die Uhr etwa alle zwei Stunden ausbrechen. Wir lassen ihn aber nur viermal am Tag. Abends machen wir einen unterirdischen Schieber zu, der den Ausbruch unterdrückt. Dadurch baut sich über Nacht ein enormer Druck auf, der sich beim ersten Öffnen des Tages mit einem lauten Zischen entlädt. Die anderen Ausbrüche gehen viel gemächlicher vonstatten.« Klare Erkenntnis also: Unbedingt die erste Tour morgens buchen, dann sprudelt die Fontäne los wie eine Mineralwasserflasche, die man vor dem Öffnen kräftig geschüttelt hat.

Genau mit diesem Hintergrund ist der Geysir übrigens auch entstanden.

1903 bohrte man auf dem Namedyer Werth einen ersten Brunnen, weil man hier auf der Suche nach Kohlenstoffdioxid fündig geworden war. Das Gas stammte aus einer Magmakammer in der Erdkruste und sollte für die Herstellung von Mineralwasser genutzt werden. Allerdings war die Produktion vor Ort nicht so einfach, weil ungeplant immer wieder hohe Wasserfontänen aus dem Brunnen geschossen kamen. Das sprach sich natürlich schnell herum, und so stand bald überall in den Zeitungen, dass es bei Andernach den höchsten Kohlensäuresprudel der Welt gibt.

Anfang der 1950er-Jahre versiegte die Quelle langsam, weil der Brunnen wegen mangelnder Pflege während des Kriegs beschädigt war. Man bohrte zwar einen neuen Brunnen, ließ das Projekt dann aber zugunsten der geplanten Bundesstraße 9 über das Namedyer Werth bald wieder ruhen. Erst 2001 wurde entschieden, den Geysir für touristische Zwecke wiederzubeleben. Eine goldene Idee, wie sich herausstellen sollte. Man bohrte einen 350 Meter tiefen und 15 Zentimeter dicken Brunnen, perfektionierte die Kontrolle über den Ausbruch und kann heute viermal täglich bis zu 350 Personen mit dem Schiff hierher fahren. Der Geysir von Andernach gehört zu den Top-Sehenswürdigkeiten zwischen Rhein und Mosel.

Nach ungefähr acht Minuten baut sich die Fontäne langsam wieder ab. Inzwischen ist der Großteil der Gruppe fertig mit den Selfies, jetzt ist für mich vorne an der Quelle Platz. Je näher ich komme, desto klarer erkenne ich, dass die Luft über dem nur noch schwach sprudelnden Wasserstrahl flirrt. Es strömt Gas aus, das mir beim nächsten Atemzug ein unangenehmes Déjà-vu beschert. Es riecht wie damals auf Island – nach verfaulten Eiern. Auch hier scheint Schwefelwasserstoff auszutreten, dieses Gas, das es geschafft hat, mir den Urlaub zu vermiesen. Heute riecht es zum Glück nicht so stark und ist einigermaßen zu ertragen.

Als die Fontäne schließlich komplett versiegt ist, trete ich noch ein Stück näher an den Steinstapel heran, um ein Foto von der Ausbruchstelle zu machen. Gute Idee vielleicht, aber schlechtes Timing: Genau in dem Moment entscheidet sich der Geysir für eine Zugabe. Er prustet erneut los, schießt noch einmal drei, vier Meter in die Höhe und gibt mir damit einen üppigen, extrafeuchten Schlabberkuss.

»Ja, auch das passiert manchmal beim ersten Ausbruch des Tages«, ruft mir der Guide lachend zu, als ich dastehe wie ein nasser Waschlappen. Diese Info hätte mir ein paar Sekunden früher helfen können. Aber ich nehme es mit Humor, denn der Tag ist warm und sonnig. Und immerhin kann ich »Mit Mineralwasser duschen« damit jetzt auch von meiner Bucket List streichen. Nach 45 Minuten müssen wir zurück zum Schiff, damit endet mein Aufenthalt auf Island. Es war kurz und schön, ein Quickie mit einer alten Bekannten. Als ich in Andernach von Bord gehe, habe ich eine ordentliche Portion Sommerröte auf der Stirn. Das habe ich nicht erwartet. Nicht im Oktober – und erst recht nicht von Island.

Weitere Artikel aus Rheinland-Pfalz