Ob man die Schwäbische Alb lieber ganz gemächlich in mehreren Wochen durchwandert oder radelnd in wenigen Tagen überquert, ist eine Frage des Geschmacks. Zwei Touren und viele Eindrücke in der abwechslungsreichen Naturlandschaft im Herzen Baden-Württembergs.

Mit dem Rad über die Alb

Vor uns geht es steil nach unten, gegenüber schiebt sich langsam die Sonne über die Berge. Hinter uns liegen eine sattgrüne Albwiese bei Bad Urach und drei Tage im Sattel. Hier, am Albtrauf, wie die fast senkrecht abfallende, schroffe Abbruchkante der Schwäbischen Alb heißt, genießen wir die ersten Sonnenstrahlen des Tages und einen kurzen, aber intensiven Moment lang die morgendliche Ruhe. Dann schwingen wir uns wieder auf die Räder und treten in die Pedale – sechs Tage haben wir eingeplant, um die Schwäbische Alb komplett zu überqueren. Das ist ambitioniert, aber mit unseren zugkräftigen E-Mountainbikes durchaus zu schaffen.

Über 370 Kilometer führt uns die Alb-Crossing genannte Tour von Aalen im Nordwesten Baden-Württembergs nach Tuttlingen im Südosten. Und obwohl die Alb ein Hochplateau ist (obenauf also eher flach), kommen durch das Rauf- und Runterradeln über die steilen Flanken reichlich Höhenmeter zusammen: Rund 7.000 werden am Ende auf dem Zähler stehen. Das aber ist einer der Reize dieser Tour – mal strampelt man im niedrigsten Gang einen langen Anstieg hinauf, mal geht es im lockeren Tritt durch die Ebene. Und dann wieder brettert man über kurvenreiche Schotterpisten bergab.

Mit Distanzen von 50 bis 70 Kilometern sind die Tages-Etappen konditionell recht fordernd, vor allem das stete Auf und Ab kostet ordentlich Puste – aber jede Anstrengung wird belohnt. Denn die Alb hat nicht nur landschaftlich viel zu bieten, auch die Sehenswürdigkeiten reihen sich aneinander: Gefühlt auf jedem zweiten Hügel steht hier eine Burg oder ein Schloss, darunter Prachtexemplare wie die Burg Hohenzollern und das Schloss Lichtenstein. Auch das Limesmuseum, die Nebelhöhle und der Lemberg sind einen Zwischenstopp wert – um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Und so wird die Tour zu einer echten Radreise, auf der sich die sportliche Herausforderung mit dem kulturellen Erlebnis verbindet. Ohnehin geht es beim Alb-Crossing nicht in erster Linie ums ‚Kilometerfressen‘, sondern um Genuss. Gerade beim Radeln oben auf dem welligen Hochplateau kommt man leicht in einen wunderbaren Tret-Trott, der einen geradezu durch die Landschaft trägt. Aber: Wenn man denn will, kann man sich auf der Tour auch problemlos richtig auspowern.

Eben noch sind wir die letzten Windungen des Forstweges auf den Hohenneuffen hochgeschnauft, zur Ruine der gleichnamigen Burg auf 740 Metern Höhe. Zur phänomenalen Aussicht gab’s hier erst mal eine Apfelschorle. Temporeich geht es jetzt die Serpentinen durch den Wald wieder hinab, bald darauf auf einem grasigen Feldweg durch Streuobstwiesen und auf asphaltierter Piste vorbei an wogenden, von rotem Mohn gesprenkelten Getreidefeldern. Dann knirscht wieder Kies unter den Reifen, rollen wir durch die nächste Senke – und schon wieder bergauf.

Technisch verlangen die Strecken selbst dem durchschnittlich konditionierten Radler nicht allzu viel ab, da sie überwiegend über asphaltierte Radwege oder breite Schotterpisten führen. Ab und an allerdings ist man auch auf weniger befestigten, schmalen Trails unterwegs. Ein geländegängiges Trekkingbike ist daher empfehlenswert, noch besser ist man natürlich mit einem soliden E-Bike aufgestellt. Uns hat schnell der Alb-Rausch gepackt; die Tempo- und Terrainwechsel machen Spaß und das Alb-Crossing zu einer aufregenden Tour.

So kommt ihr mit der Bahn nach Aalen: Anreise planen.

Zu Fuß über die Alb

Wildblumen mit gelben, roten, blauen und weißen Blüten spicken die Wiese, das Gras steht kniehoch. Mitten durch schlängelt sich der Weg auf die Anhöhe. Dort treffen das Grün der Wiese und das Blau des Himmels aufeinander. Die in der sommerwarmen Wiese zirpenden Grillen und die von Blüte zu Blüte summenden Bienen machen die Idylle perfekt; schwelgend und schweigend genießen wir die Bilderbuch-Wanderwelt der Schwäbischen Alb. Rar sind solche Momente hier nicht – eine Wanderung auf der Alb gleicht eher einer Aneinanderreihung von Best-of-Landschaftsmomenten. Auf die bunt getupfte Wiese folgt ein Wald, windet sich ein wurzelüberwachsener Pfad zwischen moosbewachsenen Findlingen und den breiten, mächtigen Stämmen uralter Buchen. Unter deren mächtigen Kronen ist es schattig und kühl – fast märchenhaft. Würde Rotkäppchen nach dem Weg fragen, man würde sich kaum wundern. Der Weg verläuft kaum zehn Meter neben der Traufkante, doch nur selten lässt sich durch das dichte Strauchwerk ein Blick über die Landschaft erhaschen. Dann lichtet sich das Dickicht auf einem kurzen Stück – und gibt die Aussicht frei auf die Burg Hohenzollern, die gegenüber auf einer Bergkuppe thront. 

Der Albsteig verläuft auf dem Fernwanderweg HW1 und führt auf 358 Kilometern einmal quer über die Schwäbische Alb. Auf überwiegend naturbelassenen Pfaden kann man so von Donauwörth bis nach Tuttlingen wandern – zwei, drei Wochen braucht man dafür. Sich die Zeit dafür zu nehmen – und sich zugleich auch Zeit zu lassen –, lohnt sich. Denn in der einzigartigen Landschaft der Alb wird die Wanderung zur Pilgerreise, zur einer nachhaltigen Erfahrung voller kontemplativer Natur- und eindrücklicher Kulturerlebnisse. 

Und auch wir, die wir nur einen einzigen Tag hier wandern, stellen schnell fest: Die Alb macht den Kopf frei. Die Welt ist hier wie stummgeschaltet, schnell liegt der Alltag hinter einem. Und vor einem tauchen immer wieder derart überwältigende Panoramen auf, dass das Herz vor Freude hüpft. Manchmal begegnet man stundenlang keiner Menschenseele, durchstreift allein die weiten Fluren oder den dichten Wald, nur begleitet vom Murmeln eines wilden Bachs oder dem Hämmern eines Spechts. Ganz allmählich wechseln die Landschaftsbilder wie die Natur, von lieblich über wild bis zu rau und wieder zurück. 

Eine Extremerfahrung ist eine Wanderung auf der Schwäbischen Alb ganz sicher nicht – stattdessen erfährt man hier Kontemplation und Naturgenuss, Ausgleich und Entschleunigung. Allerdings darf man die Alb auch nicht unterschätzen, es geht reichlich rauf und runter, ganz ohne Muskelziepen kommen hier auch geübte Wanderer nicht davon. Manchmal ist sogar ein bisschen Mut gefragt, wie beim Hangenden Stein bei Albstadt. Der markante Felsen wölbt sich über die Traufkante; wer hinaufklettert, wird mit einem phänomenalen Weitblick belohnt. Aber wir geben’s gern zu: Die Aussicht kann man auch ziemlich gut genießen, ohne auf den Felsen zu klettern.

Langweilig wird es beim Wandern auf der Alb nie, zu viele sehenswerte Orte und geschichtsträchtige Plätze, imposante Burgen und geheimnisvolle Höhlen liegen am Wegrand. Für diese kleinen Abstecher und Abenteuer sollte man sich unbedingt Zeit nehmen, genau wie für ein ausgedehntes Mittagessen, für Schwätzchen mit Wirten, Schäfern und Wanderbegegnungen. Für uns ist es jedenfalls beschlossene Sache: Albsteig, wir kommen wieder. Mit mehr Zeit. Wie weit wir kommen – sehen wir dann.

Titelbild: Einfach überwältigend: Der Ausblick von der Alb-Traufkante © Fabian Teuber