Sanfte Hügel und weite, fruchtbare Felder kennzeichnen die Landschaft, die sich nördlich des Harzgebirges ausbreitet. Unübersehbar ragen die Kirchtürme von Halberstadt übers Land. Wernigerode, die „bunte Stadt am Harz“, zählt zu den beliebtesten Zielen dieser Region.

Leseprobe aus dem DuMont Bildatlas Harz

Dieser Artikel stammt aus dem DuMont Bildatlas Harz aus dem DuMont Reiseverlag. Dort findet ihr auf 120 Seiten zahlreiche Aktiv-Tipps und von der Autorin getestete Empfehlungen für jeden Geschmack: wie wäre es mit Downhill am Bocksberg, Klettern im Okertal oder einer Entdeckungstour auf den Spuren der Zugvögel?

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Das nördliche Harzvorland profitiert vom Brocken zweifach: Touristen wählen die schönen Städte am Harzrand gern als Ausgangspunkt ihrer Harzreise. Und die Höhen schirmen gegen den Regen ab, der überwiegend aus Südwesten kommt. So verzeichnet Wernigerode deutlich weniger Niederschläge als Orte in vergleichbaren Klimazonen, und Fönwetterlagen treiben die Temperaturen hoch.

„Bunte Stadt am Harz“ hatte Hermann Löns Wernigerode einst genannt. Noch immer sticht die Fülle an Fachwerkhäusern ins Auge, viel Geld ist in Restaurierung und üppig-muntere Farbanstriche geflossen. Die Stadt, seit den Anfängen des Harztourismus immer ganz vorne dabei, gehört nach wie vor zu den beliebtesten Zielen. Zahlreiche Besucher lassen sich durch die Gassen treiben, fotografieren das Fachwerk, bestaunen hölzerne Heilige, Gaukler und Handwerker, die Hausfassaden beleben. Rund um das historische Rathaus ist der Auftrieb am dichtesten. An den Marktständen werden Blumenkohl, Möhren und Kartoffeln angeboten, auch Wurst, Käse und Blumen.

Plötzlich fallen erste dicke Tropfen, Schirme werden aufgespannt. Die Warteschlange am Fischimbiss löst sich schlagartig auf, als ein Wolkenbruch niedergeht und zahllose Touristen in die nächstbesten Geschäfte treibt. Auch das „Café Wiecker“ füllt sich im Nu. Während draußen dunkle Wolken dräuen, hasten drinnen flinke Bedienungen von Tisch zu Tisch, nicken und notieren, tragen schwer beladene Tabletts auf und wieder ab. Die einen nehmen ein spätes Frühstück, andere ordern ein frühes Mittagessen oder haben die großartige Tortenauswahl entdeckt. Kaum glitzert der erste Sonnenstrahl auf dem nassen Kopfsteinpflaster, winkt die Wetter-Notgemeinschaft ungeduldig zum Zahlen und setzt den Stadtbesuch fort, während sich die Stammgäste zurücklehnen und wieder in Ruhe ihrer Zeitungslektüre zuwenden.

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Die schöne Ilse

An Sagen, Märchen und Legenden herrscht im Harz kein Mangel. Berge, Grotten, Felszinnen, versteckte Wasserfälle und undurchdringliche Wälder bilden den besten Nährboden für ihr Entstehen. Wo Bergmänner tief ins Gebein der Erde vordringen und Köhler wochenlang allein im Wald hausen, haben Zwerge und Weiße Frauen, verzauberte Hirsche, Wassergeister, Räuber und verwunschene Seelen leichtes Spiel. Andere mythische Geschichten wurzeln in der Geschichte des Harzes als Kernland des deutschen Kaisertums. Sagenstoff lieferten beispielsweise Barbarossa und Heinrich der Vogler.

Auch um markante Naturschönheiten entspannen sich Erzählungen. Auf dem Ilsestein beispielsweise erhob sich einst eine mächtige Burg, Wohnsitz eines Riesen mit einer schönen Tochter. Diese hatte ihr Herz sehr zum väterlichen Missfallen an den Ritter verloren, der nahebei auf dem Westerberg lebte. Um die Liebenden zu trennen, schlug der Riese die Felsen entzwei, wodurch das Ilsetal entstand. Ilse, außer sich vor Schmerz, stürzte sich in die Fluten. Ihre ruhelose Seele zeigt sich manchmal am Ufer in Gestalt einer Weißen Frau, und wenn ihr ein Bursche gefällt, nimmt sie ihn mit in ihr Kristallschloss im Berg.

„In meinen weißen Armen, an meiner weißen Brust, da sollst du liegen und träumen“, legt Heinrich Heine ihr in den Mund. Schwärmend verklärt er den Fluss in seiner „Harzreise“. Natürlich erkletterte Heine auch den Ilsestein und genoss die Aussicht. Aus den Buchenwäldern zu Füßen des Felsens rauscht der Fluss herauf, in der Ferne zeigen sich der Brocken, Richtung Süden Ilsenburg und die Anfänge der Norddeutschen Tiefebene.

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Vom Kloster Ilsenburg blieb auch das Kalefaktorium erhalten. In diesem einzigen beheizbaren Raum des Klosters konnten sich die Mönche aufwärmen. © picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Ralf Freyer

Kultivierung der Leere

Am 8. April 1945, vier Wochen vor der Kapitulation Deutschlands, machte ein US-Bomberverband über 80 Prozent Halberstadts dem Erdboden gleich. Nach dem Krieg ersetzten Plattenbauten die Bürgerhäuser, und was dem „Rothenburg des Nordens“ an Fachwerk geblieben war, verfiel. „Größter innerstädtischer Parkplatz der DDR“, spottete die Bevölkerung, in den nach der Wende viele Millionen Euro flossen. Die Stadterneuerung machte aus einer der hässlichsten Städte der DDR ein Laboratorium der Stadtentwicklung.

Denn wie viele andere ostdeutsche Städte kämpft auch Halberstadt mit sinkenden Bevölkerungszahlen. Um das zu illustrieren, herrscht im Herzen der Stadt zwischen Dom und Liebfrauenkirche – bewusst freigehaltene – Leere, über die der Wind Staubfahnen treibt. Ein paar Touristen halten irritiert inne, studieren die Informationstafel, die Halberstadts Leere zur Tugend erhebt. Doch der Leere wegen sind sie nicht aus München, Hamburg oder sonstwoher gekommen, und schon setzen sie ihren Weg zum berühmten Domschatz fort.

Antlitz der Engel

Halberstadts Domschatz ist in einem Anbau am Dom angemessen in Szene gesetzt. Flüsternd stehen die Besucher vor den beiden ältesten Bildteppichen Europas, schreiten im Halbdunkel die Figuren ab, deren sanfte Augen Jahrhunderte überblicken. Vorbei an wundervoll bearbeiteten Bergkristallflakons, über und über mit Gold, Elfenbein und Edelsteinen verzierten Evangeliaren und fein ziseliertem liturgischen Gerät gelangt man zum Tafelreliquiar, einer Art kostbar verziertem Schatzkästchen, dessen Bergkristall-Fensterlein den Blick auf einen rohen Holzsplitter freigibt, verehrt als Teil des Kreuzes Christi. Die Fülle an Kostbarkeiten wirft ein Licht sowohl auf den riesigen Reichtum der Kirche als auch auf die tiefe Frömmigkeit der Menschen des Mittelalters, die gewaltige Kathedralen und übervolle Kirchenschatzkammern ermöglichten.

So langsam wie möglich

Eines der kuriosesten Musikerlebnisse der Welt bietet der Besuch der Halberstädter Buchardikirche, Aufführungsort des Werks „Organ²/ASLSP“. Seit dem ersten Ton am 5. September 2001 wird es noch 639 Jahre dauern, bis der letzte Ton verklungen ist, denn, so der Komponist John Cage, zu spielen sei es „as slow as possible“, so langsam wie möglich. Ein gleichmäßiger Klang aus mehreren Tönen durchzieht den Raum, erzeugt einen wummernden, flirrenden Sound, je nachdem, an welcher Stelle man lauscht. Unter den Zuhörern wird viel diskutiert, das Projekt wirft Fragen über Fragen auf. Wie lang dauert ein unendlich langes Musikstück? Und ist das überhaupt noch Musik oder einfach nur verrückt? Was auch immer ASLSP sein mag, ein Aushängeschild für die Stadt ist es in jedem Fall. Jeder neu hinzukommende Ton gerät zum medienwirksamen Ereignis. Allerdings ist dazu eine ganze Menge Geduld gefragt: Erst am 5. Februar 2022 wird wieder eine neue Note angeschlagen.

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INFOS & EMPFEHLUNGEN

Wernigerode

Die „bunte Stadt am Harz“ mit dem weithin sichtbaren Märchenschloss entwickelte sich am Schnittpunkt zweier Handelsstraßen seit dem 9. Jh. prächtig. Vor allem die Tuchweberei und der Handel mit Bier sorgten für Wohlstand. Heute ist Wernigerode (33 000 Einwohner) wichtiger Ausgangspunkt für den Brockentourismus.

SEHENSWERT

Spektakulärer Mittelpunkt der Altstadt ist das Rathaus (urspr. 1277). Bemerkenswert sind die Holzfiguren, die an vielen Stellen das Fachwerk zieren. Der neugotische Marktbrunnen (1848) ist ein Werk der Ilsenburger Eisenkunsthütte.

Ältester Teil der Stadt ist der sogenannte Klint westlich des Rathauses mit winzigen Gässchen und dem skurrilen Schiefen Haus. Fast in jeder Straße und Gasse finden sich besondere Fachwerkhäuser. Zu den schönsten gehört die Oberpfarre (Oberpfarrkirchhof 6), Café Wien (Breite Straße 4), das Krummelsche Haus (Breite Straße 72) und die Krellsche Schmiede (Breite Straße 95). Kochstraße 4 ist das Kleinste Haus (1774; 4,20 m hoch und 2,95 m breit). Die Sylvestrikirche (1230) war Grablege der Wernigeröder Grafen und erfuhr 1833–1885 einen Umbau.

Als „Neuschwanstein am Harz“ gefällt sich Schloss Wernigerode (urspr. um 1110); Graf Ernst zu Stolberg-Wernigerode veranlasste zwischen 1671 und 1676 den Umbau zu einem Barockschloss. Die letzte Umgestaltung erfuhr es Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Anbau von Erkern und Türmchen. Von den 250 Räumen sind 50 als Schauräume für Besucher geöffnet.

Sehenswert ist auch der Park unterhalb des Schlosses. Eine Kleinbahn bringt Gäste auf den Berg (www.schloss-wernigerode.de; April–Dez. tgl. 10.00–18.00, sonst bis 17.00 Uhr). Die Hasseröder Brauerei am Westrand der Stadt kann besichtigt werden (Auerhahnring 1, Tel. 03942 93 60, www.hasseroeder.de; tgl. nach Vereinbarung).

MUSEEN

Im Klint informiert das Harzmuseum über die Geschichte und Naturkunde der Region und gibt Einblicke u. a. ins Feuerwehrwesen (Klint 10, www.harzmuseum.de; Di.–Sa. 10.00 bis 17.00 Uhr). Im Industriegebiet westlich der Innenstadt zieht das Luftfahrtmuseum Technikinteressierte an (Gießerweg 1, www.luftfahrtmuseum-wernigerode.de; tgl. 10.00–18.00 Uhr).

INFORMATION

Wernigerode Tourismus, Marktplatz 10, 38855 Wernigerode, Tel. 03943 553 78

Halberstadt

Nachdem Karl der Große 804 einen Bischofssitz hierher verlegt hatte, wurde Halberstadt ein Zentrum der Christianisierung. Als Hansestadt unterhielt sie rege Handelskontakte. Schwere Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg veränderten das Bild der zweitgrößten Stadt im Harz (40 000 Einwohner) gravierend.

SEHENSWERT

Schon von weither sichtbar krönen die Türme von Dom, Liebfrauenkirche und Martini-Kirche Halberstadt. Nach dem Vorbild französischer Kathedralen wurde 1236–1491 der gotische Dom St. Stephanus und Sixtus errichtet; eindrucksvoll sind der spätgotische Lettner (1510), die um 1220 geschnitzte Triumphkreuzgruppe aus dem romanischen Vorgängerbau und ein Taufbecken von 1195.

Höhepunkt ist der Besuch des Domschatzes, einer der bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenschätze Europas; Bischof Konrad legte um 1205 den Grundstock für die Sammlung. 320 der rund 650 Stücke können teils in der Domklausur, teils in einem quaderförmigen Betonanbau besichtigt werden.

Im Teppichsaal hängen die ältesten Bildteppiche Europas, der „Abraham-Engel-Teppich“ (um 1150) und der „Christus-Apostel-Teppich“ (um 1170). Die Pracht von Byzanz spiegeln Stücke wider, die wohl aus dem Brautschatz der byzantinischen Ehefrau Kaiser Ottos II., Theophanu, stammen. Auch die um 1230 in Eichenholz gefertigte Halberstädter Madonna aus der Liebfrauenkirche wird hier gezeigt (www.dom-schatz-halberstadt.de, Dom und Domschatz Mai–Okt. Di.–Sa. 10.00 bis 17.30, So., Fei. 11.00–17.30, Nov.–April jeweils bis 16.00 Uhr).

Auf der Westseite des Domplatzes erhebt sich die Liebfrauenkirche, 1005–1020 erbaut, im 12. Jh. erneuert und 1956–1960 aus den Trümmern wiedererrichtet. Im schlichten Inneren stechen die Chorschranken mit spätromanischen farbigen Stuckreliefs (um 1200) hervor (Juni–Okt. Di.–Sa. 11.00–17.00, So. 12.00 bis 17.00, Nov.–Mai jeweils bis 16.00 Uhr).

In der St.-Burchardi-Kirche (Urspr. 12. Jh.) im Norden erklingt „As slow as possible“ von John Cage (1912–1992; www.aslsp.org; April– Okt. Di.–So. 11.00–17.00, Nov.–März Di. bis So. 12.00 bis 16.00 Uhr). Die beiden unterschiedlich hohen Türme der gotischen Kirche St. Martini (12.–14. Jh.) gelten als Wahrzeichen der Stadt.

Das weltliche Zentrum Halberstadts erstreckt sich rund ums Rathaus (Fassade Kopie des 1381 errichteten Baus). Der Roland vor dem Rathaus stammt von 1433 und ist damit zweitältester in Deutschland. Das innerstädtische Leben ballt sich um Holz- und Fischmarkt.

MUSEEN

Nördlich des Doms liegt ein prächtiger Barockbau (1782), der heute das Städtische Museum, Kunsthandwerk und Stadtgeschichte beherbergt (www.museum-halberstadt.de; April–Okt. Di.–So. 10.00–17.00, Nov.–März bis 16.00 Uhr). Gleich gegenüber stellt das Museum Heineanum über 17 000 Vogelpräparate aus (www.heineanum.de; April–Okt. Di.–So. 10.00–17.00, Nov.–März bis 16.00 Uhr).

Nördlich des Doms steht das Gleimhaus, einst Wohnhaus von Dichter und Domsekretär Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803), heute ein Literaturmuseum, das über 10 000 Briefe, Originalhandschriften, Bildnisse, Landkarten u. a. zeigt (www.gleimhaus.de; Mai–Okt. Di.–So. 10.00 bis 17.00, Nov.–April bis 16.00 Uhr). Bürgerliche Wohnkultur und Handwerk bietet das Schraube-Museum (Vogtei 48, www.museum-halberstadt.de; April–Okt. Di.–So. 13.00–17.00, sonst Di.–So. 13.00–16.00 Uhr). Zeugnisse zur jüdischen Kultur beherbergt das Berend-Lehmann-Museum (Judenstraße 25; Mai–Okt. Di.–So. 10.00–17.00, Nov.–April bis 16.00 Uhr).

INFORMATION

Halberstadt Information, Holzmarkt 1, 38820 Halberstadt, Tel. 03941 55 18 15, www.halberstadt.de

Titelbild: © picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Ralf Freyer

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